Sogar eine Flex haben sie mitgebracht. Das behauptet die Schriftstellerin Juli Zeh zumindest. Zwei Dutzend Autoren haben sich im Nieselregen vor dem Berliner Kanzleramt versammelt. Viele ihrer Kollegen, darunter Feridun Zaimoglu, Ingo Schulze, Jo Lendle und Clemens J. Setz, sowie 67.407 Bürger haben seit Ende Juli einen offenen Brief an Angela Merkel unterschrieben. Darin wird die Kanzlerin aufgefordert, die Menschen in Deutschland vor der Ausspähung durch ausländische Geheimdienste zu schützen. Nun wollen die Demonstranten endlich wissen, was die Bundesregierung gegen die Ausspähung zu unternehmen gedenkt, und ihr die Unterschriften überbringen. Den "Marsch aufs Kanzleramt" soll auch der meterhohe Absperrzaun nicht aufhalten.

"Wir würden gern mit jemandem sprechen, aber keiner ist da", sagt Juli Zeh. Die Kanzlerin nicht, auch kein Minister, nicht einmal ein Staatssekretär. Am Seiteneingang des Kanzleramts warten sie auch auf Kulturstaatsminister Bernd Neumann vergebens.

"Zwar haben wir keinen Termin, wir wollen dennoch Einlass begehren", sagt die Schriftstellerin Ulrike Draesner. Sie wirft der Regierung Passivität vor. Neben der Aufklärung der Spähaffäre fordern die Schriftsteller eine gezielte digitale Politik zum Schutz der Kunden-, Bürger- und Urheberrechte.

30 Kartons mit Unterschriftenzetteln haben sie mitgebracht. Die NSA hingegen wird auf ihrer Serverfarm, die gerade in der Nähe von Salt Lake City gebaut wird, fünf Zettabyte Speichervolumen haben. Druckte man all diese Daten aus, bräuchte man 42 Billionen Aktenschränke, wie die Datenjournalismus-Agentur Open Data City ausgerechnet hat.

"Die hoffen, dass sich das Thema von selbst erledigt"

"Man möchte keine Öffentlichkeit haben bei diesem Thema, das zeigt auch der heutige Tag", sagt Zeh. Doch sie und die anderen Autoren wollen nicht hinnehmen, dass die Bundesregierung die Ausspähung der Privatsphäre nicht als Problem erkennt – und offensichtlich nichts dagegen unternehmen will.

Sie könne zwar verstehen, dass die Bundeskanzlerin im Wahlkampf selbst keine Zeit habe, sagt Zeh. Sie hätte allerdings erwartet, "dass sich jemand wie Kanzleramtschef Ronald Pofalla kurz hinsetzt und anhört, was wir zu sagen haben". Zeh wirft der Bundesregierung vor, die NSA-Ausspähaffäre bewusst nicht zu thematisieren, um sich so bis zur Bundestagswahl zu retten. Das sei ein Grund, wieso der große Aufschrei der Öffentlichkeit bisher ausgeblieben sei.

"Die hoffen, dass sich das Thema von selbst erledigt", sagt die 39-Jährige. "Es gibt kein klares Für und Wider, da kann man im Wahlkampf eben nicht auf die Barrikaden gehen und Parolen schwingen." Das sei auch der Grund für das mangelnde Interesse in der Bevölkerung. Die Regierung erkläre sich für handlungsunfähig, die Menschen seien resigniert. "Man muss sich aber einfach vorstellen, da steht jemand mit dem Fernglas vor dem Wohnzimmerfenster und schaut hinein", sagt Zeh. "Ich glaube nicht, dass die Menschen dann immer noch so reagieren würden."

"Wir rütteln jetzt am Kanzleramt"

Auch andere Autoren sind verwundert darüber, wie wenig Interesse in der Öffentlichkeit besteht. "Gegen einen Bahnhof gehen Tausende auf die Straßen", sagt Nora Bossong. "Offensichtlich ist es bei diesem so ungreifbaren Thema zu schwer, die Transfer-Leistung zu bringen." Es sei wichtig, dass die Autoren ihre Stimme nutzen, um Öffentlichkeit zu schaffen.

Nach Meinung der britischen Autorin Priya Basil, die zeitweise in Berlin wohnt, steht Deutschland in der Verantwortung. "Das Land muss in der Debatte eine wichtige moralische Stimme sein", sagt sie. Die Bundesregierung habe in Europa die Kraft, Standards zu setzen.

"Alle Autoren an den Zaun", ruft Michael Kumpfmüller. "Wir rütteln jetzt am Kanzleramt". Doch das Kanzleramt bleibt für die zwei Dutzend Autoren uneinnehmbar, die Flex kommt nicht zum Einsatz. Sollen sie die Kartons einfach in den Hof werfen? Die Polizei steht nur wenige Meter entfernt. Niemand traut sich.

Also geht es weiter zum Bundespresseamt. Dort hat wenigstens die stellvertretende Regierungssprecherin Sabine Heimbach Zeit gefunden, um die Petition in Empfang zu nehmen. "Wird bearbeitet", habe man den Autoren hinter verschlossenen Türen gesagt. Eine Viertelstunde hat man ihnen dort gewährt. Ob es eine Antwort der Bundeskanzlerin geben wird? Vor dem kommenden Wahlsonntag eher unwahrscheinlich.