Im Spiegel sieht er einen Fremden, er erkennt sich nicht selbst. Der Held in Daniel Galeras Roman Flut kann sich Gesichter nicht merken, auch sein eigenes nicht. Er hat Prosopagnosie, eine neurologische Krankheit. Schwierig, sich so unter Menschen und in der Welt zu orientieren. Wenn er auf der Straße erkannt wird, ist er hilflos, es sei denn, er erinnert sich an die Stimme oder ein anderes Merkmal.

Der Brasilianer Daniel Galera, Jahrgang 1979, hat seiner Hauptfigur die ideale Krankheit verpasst. Flut ist ein Buch über das Ausgeliefertsein. Der Mensch ist dem eigenen Schicksal, der Vergangenheit und den Elementen ausgeliefert, ohne das Ganze erkennen zu können. Alles, was er vermag, ist sich am Konkreten festzuhalten.

Es ist Winter im Küstenort Garopaba, die Surfer sind weg, die Einheimischen versuchen, bis zur nächsten Saison zu überleben. Es regnet wochenlang und keiner versteht, warum die Hauptfigur herzieht, wenn alle gehen. Der Fremde will nicht surfen, wie sonst alle, sondern nur am Meer leben, mit einem geerbten Hund, und schwimmen.       

Übermenschlicher Großvater

Der Mann eignet sich den fremden Ort mit denselben Techniken an, mit denen er seine Krankheit erträgt: Er konzentriert sich aufs Detail. Er markiert Geschäfte, Kneipen und Tankstellen auf einem Plan, um sie wiederzufinden, so wie er versucht, sich Menschen anhand einer Narbe oder einer Art, zu gehen, einzuprägen. Spazierengehen, schwimmen, Leute kennenlernen – er richtet sich einen Alltag ein.

Richtig suspekt wird er den Einheimischen, als er sich für die Vergangenheit des Ortes interessiert und anfängt, nach seinem Großvater zu fragen. Der war zwei Generationen zuvor ebenso als Fremder nach Garopaba gekommen wie der Held. Es heißt, er sei damals umgebracht worden, doch seine Leiche habe niemand gesehen. Was ist mit ihm passiert?

Die Hauptfigur hält sich an die Details, liest Dokumente, fragt Polizisten, sucht Zeitzeugen, um die Geschichte zu rekonstruieren und so auch seine eigene Herkunft zu begreifen. Die Einheimischen verstummen.

Offenbar fürchten sie sich. Aus den Fakten ist eine Geschichte geworden, eine Erzählung, die eine Eigendynamik gewonnen hat. Ein Mythos, der an diesem immer weitererzählt wurde. Der Mythos eines Fremden, der erst Interesse, Neugierde und sogar Bewunderung weckt, dann durch sein Anderssein den Hass der Einheimischen auf sich zieht, sie am Ende aber alle besiegt. Übermenschliche Fähigkeiten werden dem Großvater zugeschrieben. Er ist damals nicht gestorben, womöglich lebt er heute noch.

Wie aus vergangenen Ereignissen eine mythische Erzählung entsteht, ist ein großes Thema in Flut. Der Mythos macht die Vergangenheit beherrschbar, schließlich lässt sie sich erzählen. Doch mit seiner Eigendynamik wird er für die Menschen wieder bedrohlich. Er macht Angst. Eine Eigenschaft von Mythen ist, dass sie sich zyklisch wiederholen.