Zwölf Jahre sind es inzwischen, die deutsche Soldaten in Afghanistan kämpfen. 2014 endet der Auslandseinsatz, den die Regierung erst so peinigend spät "Krieg" zu nennen wagte. Verdruckst und leise ebbt dann ein von Deutschland geführter Krieg aus, um dessen Realität es zu keinem Zeitpunkt größere Diskussionen gab. Bloß Nachfrage nach Diskussionen, die gab es durchaus. Eine Nachfrage war das, wie sie die deutschsprachige Gegenwartsliteratur zunehmend kennt. Romanautoren, erklärt uns die DDR! Die Finanzkrise! Das Bienensterben! Und, ach ja, bitte auch noch jenes humanitäre Desaster dort in Afghanistan, das bislang weit mehr als 35.000 Menschenleben gekostet hat.

Dienten Romane bei früheren gesellschaftlichen Selbstverständigungen oft von ganz alleine als Komplexitäts-Ausleuchter, so ist die Dynamik in diesen Jahren künstlicher. Teile der Gegenwartsliteratur lesen sich, als wären sie eher zur endgültigen Abschaffung aller Komplexitäten geschrieben. Nach großen zeitgeschichtlichen Stoffen wird verlangt, und irgendwas mit großen zeitgeschichtlichen Stoffen wird dann eben auch in Romanform gepfropft.

Bleibt bloß die Frage, was da eigentlich auf diese Weise in Leserhände gelangt.

Kratzt man jetzt zum nahenden Einsatz-Ende die wichtigsten Romane zusammen, die der Bundeswehr nach Afghanistan folgten, so stößt man auf ein bizarres Genre. Quälenderweise nämlich findet sich furchtbar wenig Afghanistan hinter den grell aufgepappten Afghanistan-Etiketten. Schmerzhaft wenig ist in diesen Romanen zu lernen über mögliche poetische Zugänge zur Gemengelage eines asymmetrischen Krieges. Dafür aber schmerzhaft viel über den Zustand der Gegenwartsliteratur.

Kräftig auf die Hupe

Deutscher Sohn von 2010 beispielsweise, der erste, heftig diskutierte Roman zum Thema, zwängt einen verspäteten Poproman nach dem Hauruck-Verfahren in Tarnfarben. Kriegsheimkehrer Harald "Toni" Heinemann hat in Afghanistan ein schweres Trauma abbekommen: Sprengstoffanschlag, offene Wunde.

Der kruden Geschichte der Autoren Ingo Niermann und Alexander Wallasch zufolge schwärt aber zu Hause in der ostdeutschen Provinz nicht bloß Tonis Bein, sondern vor allem seine Fantasie. Als bekämen sie Zeilengeld von einer Jungszeitschrift, mühen sich die Autoren, möglichst viel Provokantes durcheinander schwurbeln zu lassen: Eine Sektenzugehörigkeit bei den "Deutschreligiösen", bei Wagneraufführungen hochgereckte rechte Arme und überhaupt alle möglichen Tabubrüchlein zum Komplex "Krieg von deutschem Boden".

Irgendwie soll Tonis offene Wunde für das, mit Verlaub, schwierige Verhältnis der Deutschen zu Kriegen stehen. Mit Afghanistan selbst hat das Buch dabei ebensowenig am Helm wie mit Traumatisierten. Die Tausenden Afghanistan-Heimkehrer würden diese pubertäre Selbstbespiegelung allerhöchstens befremdet lesen. Der Roman heuchelt nicht einmal Interesse an der Welt da draußen. Er leidet an fortgeschrittener Feuilletonitis: Durchs Kulturdorf getrieben wird immer mit möglichst großem Tamtam die nächste Sau, und ab 2010 war eben Krieg dran.

© Galiani Verlag

Kräftig auf die Hupe drückt auch der in diesem Frühjahr erschienene Roman von Linus Reichlin, Das Leuchten in der Ferne. Erzählt wird eine Räuberpistole, die Knall auf Fall direkt hineinführt ins wilde Morgenland der Taliban. Mertens, ein verlebter Kriegsreporter, lernt in Berlin eine "anmutige" Halb-Afghanin kennen. Diese lotst ihn in eine Art James-Bond-Abenteuer hinein, es geht um die Befreiung einer Taliban-Geisel. Bundeswehr-Camps und Lebensbedingungen der Afghanen werden mehr gestreift als geschildert, denn dem Autor schwebt anderes vor. Alsbald nämlich wird auch sein Kriegsreporter Mertens von den nomadisierenden Taliban gefangen und wandert mit ihnen durch Elend und Schmerz.

Zwar erfährt man dabei viel über das Problem, westlich-dekadenter Journalist zu sein, und zumindest einiges über das doch etwas relevantere Berichterstatter-Problem, andere Kulturen nicht angemessen verstehen zu können. Jedoch kommen diese anderen Kulturen durch das Erzählverfahren eindeutig unter die Hufe – wie ein Trampolin dienen sie bloß dazu, der Fantasie vom harten, echten Männerleben da draußen in der afghanischen Steinwüste möglichst viel Schwung zu geben. "Er hatte gelernt, ohne Bach und ohne Rilke zu leben", heißt es am Ende genüsslich über Mertens qualvollen Entführungs-Gewaltmarsch, "er hatte gelernt, im Gehen zu onanieren, ohne dass die anderen es merkten." Auch ohne Rilke.