Kolumne Fünf vor 8:00Was soll der ganze Zirkus um den Deutschen Buchpreis?

Eigentlich braucht niemand diese Auszeichnung. Jedenfalls nicht die Literatur. Denn der Preis ignoriert wichtige Autoren. Nur für Buchhändler und Medien ist er gut. von 

Ulrich Greiner, 67, ist Herausgeber des Magazins ZEITLiteratur. Von 1998 bis 2009 war er verantwortlicher Redakteur des Ressorts Literatur bei der ZEIT; davor ihr Feuilletonchef.

Ulrich Greiner, 67, ist Herausgeber des Magazins ZEITLiteratur. Von 1998 bis 2009 war er verantwortlicher Redakteur des Ressorts Literatur bei der ZEIT; davor ihr Feuilletonchef.  |  © Vera Tammen

Wer eigentlich braucht den Deutschen Buchpreis? Zwei Romane, die der Jury offenbar nicht gut genug waren, stehen auf der Bestsellerliste: Uwe Timms Vogelweide und Daniel Kehlmanns F. In der jetzt veröffentlichten Shortlist tauchen sie gar nicht auf. Mag sein, dass die Jury gedacht hat: Timm und Kehlmann sind so erfolgreich, dass sie den Buchpreis nicht benötigen.

Wenn die erfolgreichen Schriftsteller ohnehin ihren Weg machen, wer also braucht diesen Preis, den es seit 2005 gibt und den eine jährlich wechselnde siebenköpfige Jury verleiht? 

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Zunächst brauchen ihn die Buchhändler. Im Jahr 2012 sind sage und schreibe 14.838 belletristische Neuerscheinungen auf den Markt gekommen. Niemand kann das alles lesen.

Und den altmodisch gebildeten Buchhändler, der seiner Nase und seiner literarischen Kennerschaft vertraut, gibt es immer weniger. Der Buchhandel ist das Nadelöhr. Was hier nicht hindurchgeht und auf dem Ladentisch seinen Platz findet, hat nur eine marginale Chance auf Erfolg.

Letztlich ist der Buchpreis eine Lotterie. Seine sportiven Regeln erhöhen die Spannung portionsweise, und sie steigert sich von nun an bis zum 7. Oktober um 18.55 Uhr, wenn unter den sechs Finalisten der Preisträger bekannt gegeben wird. Ihm ist ein Platz auf der Bestsellerliste sicher. Alle Buchhändler werden das Buch einkaufen, ob sie es kennen und mögen oder nicht. 

Wer den Buchpreis außerdem braucht, sind die Medien. Auch sie kennen die Not, aus der Masse der Bücher diejenigen auswählen zu müssen, die für ein größeres Publikum interessant sind. Da ist die sogenannte Longlist mit 20 Titeln eine schöne Hilfe und die Shortlist geradezu ideal. 

Alle Zeitungen, Magazine und Sender werden jetzt die sechs Autoren – es sind Mirko Bonné, Reinhard Jirgl, Clemens Meyer, Terézia Mora, Marion Poschmann und Monika Zeiner – filmen und fotografieren, rezensieren und porträtieren.

Wer den Buchpreis bestimmt nicht benötigt, ist die Literatur. Der ganze Zirkus dient ja nichts anderem als dem Kampf um die Aufmerksamkeit. Die ist ein begrenztes, ein kostbares Gut. Was die Sieger davon abkriegen, geht den Verlierern verloren. Das kann ein Fehler sein.

Der Test von Autos oder Bügeleisen bringt halbwegs verlässliche Ergebnisse. Um das, was hier durchfällt, muss man sich keine Sorgen machen. Bücher jedoch, die auf dem Buchmarkt durchfallen oder dort gar nicht erst auftauchen, können sehr erheblich sein. 

Manchmal erkennt erst eine spätere Generation ihre Bedeutung. Dass die Königsdisziplin der Literatur, die Lyrik, vom Buchpreis ausgeschlossen ist, zeigt nur, dass man ihm nicht allzu sehr vertrauen sollte.

Die Literatur ist ein alter Palast mit vielen Anbauten, zerfallenden Flügeln und einer so großen Zahl von Sälen und Kammern, dass keiner sie alle kennt. Niemand sollte sich vom Buchpreis davon abhalten lassen, diesen Palast auf eigene Faust zu durchstöbern. Selbst auf die Gefahr hin, dass er nicht mehr hinausfindet.

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Leserkommentare
    • BPHFÖ
    • 13. September 2013 8:24 Uhr

    Wen interessiert's ob den jemand braucht? Zeit Online braucht ja auch niemand bzw. nimmt niemand mehr ernst und trotzdem wird hier weiter gelesen und nicht die Abschaffung gefordert. Wenn es darum geht, was unnötig ist und abgeschafft gehört, würde man bestimmt nicht mit harmlosen Dingen wie dem deutschen Buchpreis anfangen.

    Anmerkung: Wir wünschen uns eine konstruktive Diskussion des Artikelthemas. Kommentare dieser Art werden im weiteren Verlauf der Debatte von der Moderation entfernt. Danke, die Redaktion/sam

    • hairy
    • 13. September 2013 9:13 Uhr

    Wie Timm und Kehlmann ist doch die shortlist eigentlich ein who-is-who des gehobenen deutschen Literatursprachstandards. Mit Jirgl vielleicht als Ausnahme. Wwas fehlt, sind Förderpreise für die Außenseiter und Kleinstverlage usw.

  1. Sehr geehrter Herr Greiner,

    zunächst einmal. mein herzliches Beileid dafür, dass es Ihr literarischer Favorit offensichtlich nicht in die Shortlist geschafft hat. Und: Ja, Sie haben recht. Der Buchpreis ist eine sehr subjektive Angelegenheit - wie jede andere kulturelle Kür auch. Ja, er ist auch ein Marketing-Instrument für Autoren und Buchhandel; Was unterscheidet ihn Ihrer Ansicht nach in dieser Hinsicht von anderen Preisverleihungen? Zusammengefasst: Warum attackieren Sie in Ihrem Kommentar ausgerechnet diesen einen literarischen Preis mit Argumenten, die auf jeden anderen Tanz im Reigen um das kulturelle goldene Kalb ebenso zutreffen.
    Es mag sein, dass "die Literatur" den Buchpreis nicht braucht. Streng genommen braucht sie überhaupt keinen Preis, keine Bestsellerliste oder Bücher-Hitparade; sie braucht LESER, die - auch hier gebe ich Ihnen recht - den unübersichtlichen Palast der Bücher auf eigene Verantwortung durchstreifen sollen und wollen und hier für unterschiedliche Orientierungshilfen dankbar sind. Dass ein literarischer Wettbewerb wie der Deutsche Buchpreis ausdrücklich diese Orientierung am Leser aufgreift und dabei auch nicht davor zurückschreckt, auf eine Bevorzugung bekannter und in der Fachwelt akkreditierter Autoren zu verzichten, ist sein Verdienst und als Existenzberechtigunga-Argument ausreichend.

    Mit freundlichem Gruß

    Dr. Michael Hesse

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nanu, was ist denn das? Die ZEIT empfindet eine kleine Spitze gegen sie selbst postwendend als "nicht konstruktiv"? (Vgl. Beitrag Nr. 1) Ein bisschen mehr Nehmerqualitäten hätte man sich schon gewünscht, wenn der eigene Redakteur mit einer derartig faden These in der Ring steigt. Aber wenn es mit dem Nehmen hapert, dann ist vielleicht wenigstens das, was der Autor uns da gibt, von hoher Qualität? Leider nicht. Das Hauptargument von Hr. Greiner macht doch hinten und vorne keinen Sinn. Worauf bezieht er sich gleich zu Beginn? Auf eine andere Form a) der Beurteilung und b) des Marketings, die Bestsellerliste nämlich. Und wer, die Frage drängt sich doch geradezu auf, braucht die denn? Doch auch kein Mensch. Ich empfinde diese Kolumne als ein kleines bisserl zu flott geschrieben, selbst für die nun wahrlich nicht hohen Ansprüche ihres Genres.

  2. Nanu, was ist denn das? Die ZEIT empfindet eine kleine Spitze gegen sie selbst postwendend als "nicht konstruktiv"? (Vgl. Beitrag Nr. 1) Ein bisschen mehr Nehmerqualitäten hätte man sich schon gewünscht, wenn der eigene Redakteur mit einer derartig faden These in der Ring steigt. Aber wenn es mit dem Nehmen hapert, dann ist vielleicht wenigstens das, was der Autor uns da gibt, von hoher Qualität? Leider nicht. Das Hauptargument von Hr. Greiner macht doch hinten und vorne keinen Sinn. Worauf bezieht er sich gleich zu Beginn? Auf eine andere Form a) der Beurteilung und b) des Marketings, die Bestsellerliste nämlich. Und wer, die Frage drängt sich doch geradezu auf, braucht die denn? Doch auch kein Mensch. Ich empfinde diese Kolumne als ein kleines bisserl zu flott geschrieben, selbst für die nun wahrlich nicht hohen Ansprüche ihres Genres.

  3. Wer auf der Liste steht, entscheidet sich also nicht danach, wer den Preis „verdient“, sondern wer ihn braucht. Für den glücklichen Gewinner gilt: Wer den Preis nach Einschätzung der Jury verdient, verdient anschließend auch am Buchmarkt. Vielleicht nicht gut, aber immerhin besser als zuvor. Diese Rechnung scheint aufzugehen. Vorausgesetzt man lässt den Leser außen vor, was unmöglich ist, will man - und es gibt in diesem Zusammenhang viele „mans“ - selbst auch noch gut verdienen (und nicht nur besser als zuvor). Ohne den Leser geht’s also nicht. Denn nichts ist gewonnen, wenn der Köder dem Angler schmeckt, nicht aber dem Fisch. Man hat den Fisch folglich im Auge, andernfalls ginge es nicht danach, wer den Preis „braucht“. Der Buchpreis treibt vielleicht nicht den Preis des Buches in die Höhe, aber doch wohl die Anzahl derer, die bereit sind, den wenig originellen Preis von 19,90 Euro zu bezahlen. Misch- und Fischkalkulation.

    Und natürlich geht der Leser ins Netz. Wie nicht, wo man doch wusste… Ob das der Schaden der Literatur ist, ist die Frage. Sie steht am Rande. Dort stand sie immer. Offenbar zieht sie den künstlerischen Abgrund geschmacklichen Talsohlen ganz grundsätzlich vor. Im Palast indessen werden Janusköpfe gekrönt. In reich mit Katzengold geschmückten Spiegelsälen scheitert jede noch so gut gemeinte Selbstreflexion. Wohl dem, der da noch fündig wird…

    • ärztin
    • 08. Oktober 2013 22:24 Uhr

    der artikel des autors und seine meinung haben mich ebenfalls
    angesprochen. ich wollte schon seit ein paar jahren wissen
    was eingentlich los ist mit ganzem zirkus irgendwelcher preise.
    denn, zuletzt war ich wieder enttäuscht als ich das buch
    ,, die hellen tage,, als hörbuch durchhörte.
    und davor auch wieder ettäuscht vom
    buch ,, p.s. ich liebe dich,, .
    persönlich ich, traue keiner kritik und keiner preisverleihung mehr.
    sobald ein buch ,,großen,, preis erhält ist es für mich
    klar, daß es schrott ist.
    nun ja, kann mir jemand bitte raten, welcher nun orientierungshilfe
    ich trauen kann wenn ich auf eigene faust den palast durchlatschen will ?

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  • Serie Fünf vor 8:00
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Literatur | Theo Sommer | Zirkus | Buch | Buchpreis | Lyrik
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