Wer eigentlich braucht den Deutschen Buchpreis? Zwei Romane, die der Jury offenbar nicht gut genug waren, stehen auf der Bestsellerliste: Uwe Timms Vogelweide und Daniel Kehlmanns F. In der jetzt veröffentlichten Shortlist tauchen sie gar nicht auf. Mag sein, dass die Jury gedacht hat: Timm und Kehlmann sind so erfolgreich, dass sie den Buchpreis nicht benötigen.

Wenn die erfolgreichen Schriftsteller ohnehin ihren Weg machen, wer also braucht diesen Preis, den es seit 2005 gibt und den eine jährlich wechselnde siebenköpfige Jury verleiht? 

Zunächst brauchen ihn die Buchhändler. Im Jahr 2012 sind sage und schreibe 14.838 belletristische Neuerscheinungen auf den Markt gekommen. Niemand kann das alles lesen.

Und den altmodisch gebildeten Buchhändler, der seiner Nase und seiner literarischen Kennerschaft vertraut, gibt es immer weniger. Der Buchhandel ist das Nadelöhr. Was hier nicht hindurchgeht und auf dem Ladentisch seinen Platz findet, hat nur eine marginale Chance auf Erfolg.

Letztlich ist der Buchpreis eine Lotterie. Seine sportiven Regeln erhöhen die Spannung portionsweise, und sie steigert sich von nun an bis zum 7. Oktober um 18.55 Uhr, wenn unter den sechs Finalisten der Preisträger bekannt gegeben wird. Ihm ist ein Platz auf der Bestsellerliste sicher. Alle Buchhändler werden das Buch einkaufen, ob sie es kennen und mögen oder nicht. 

Wer den Buchpreis außerdem braucht, sind die Medien. Auch sie kennen die Not, aus der Masse der Bücher diejenigen auswählen zu müssen, die für ein größeres Publikum interessant sind. Da ist die sogenannte Longlist mit 20 Titeln eine schöne Hilfe und die Shortlist geradezu ideal. 

Alle Zeitungen, Magazine und Sender werden jetzt die sechs Autoren – es sind Mirko Bonné, Reinhard Jirgl, Clemens Meyer, Terézia Mora, Marion Poschmann und Monika Zeiner – filmen und fotografieren, rezensieren und porträtieren.

Wer den Buchpreis bestimmt nicht benötigt, ist die Literatur. Der ganze Zirkus dient ja nichts anderem als dem Kampf um die Aufmerksamkeit. Die ist ein begrenztes, ein kostbares Gut. Was die Sieger davon abkriegen, geht den Verlierern verloren. Das kann ein Fehler sein.

Der Test von Autos oder Bügeleisen bringt halbwegs verlässliche Ergebnisse. Um das, was hier durchfällt, muss man sich keine Sorgen machen. Bücher jedoch, die auf dem Buchmarkt durchfallen oder dort gar nicht erst auftauchen, können sehr erheblich sein. 

Manchmal erkennt erst eine spätere Generation ihre Bedeutung. Dass die Königsdisziplin der Literatur, die Lyrik, vom Buchpreis ausgeschlossen ist, zeigt nur, dass man ihm nicht allzu sehr vertrauen sollte.

Die Literatur ist ein alter Palast mit vielen Anbauten, zerfallenden Flügeln und einer so großen Zahl von Sälen und Kammern, dass keiner sie alle kennt. Niemand sollte sich vom Buchpreis davon abhalten lassen, diesen Palast auf eigene Faust zu durchstöbern. Selbst auf die Gefahr hin, dass er nicht mehr hinausfindet.