Nachruf Erich LoestEin Mann, der übrig blieb

Zum Tod des Schriftstellers Erich Loest: Er war ein Unverzagter, der die deutsche Geschichte tapfer durchlitt. Eine persönliche Erinnerung von 

Als Erich Loest sich aus dem Fenster stürzte, saß ich mit den Generaldirektoren der DDR beim Wein. So ist das wohl, wenn die deutsche Geschichte sich gleichzeitig ereignet, als Tragödie und als Farce. Während in Leipzig der alte Regimegegner verzweifelte, hatten in Berlin die alten Funktionäre irgendwie überlebt. Donnerstag ist der Tag, an dem sie sich einmal pro Monat treffen, im Vergangenheitsklub der Wirtschaftsbosse. Dort streiten sie, warum die DDR unterging. Komische Frage eigentlich, weil die Antwort doch klar ist. Aber das fiel mir erst später auf, kurz vor Mitternacht, als die E-Mail meines Kollegen aufploppte: Erich Loest sei tot.

Loest? Den konnte man sich nicht tot vorstellen. Wenn es im Osten brenzlig wurde, durfte man ihn immer besuchen und um Rat fragen. Ewig stand er nun schon auf meinem Notizzettel und wegen des Völkerschlachtjubiläums immer dringlicher: Loest in Leipzig besuchen! Zum Schreiben überreden! Aber so ist das, wenn man das Wichtige aufschiebt. Jähe Trauer. Und der Zorn, am falschen Ort zu sein, ausgerechnet in Berlin, bei den Systemtreuen. Als hätte der alte Systemkritiker Loest, wenn wir ihn nur zum Völkerschlachtdenkmal gezerrt hätten, keine Zeit gehabt für den Fenstersturz.

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Ach, Loest. Wer ihn kannte, wusste: So einer sprang doch nicht aus dem zweiten Stock eines Krankenhauses. Erich Loest, der bärbeißige, mutige, unverzagte, unerbittliche Diktaturenüberleber. Den Zweiten Weltkrieg überstand er als einer jener Jungen, die übrig blieben (so heißt sein Debütroman von 1950), den Staatssozialismus hielt er aus nach dem Motto Es geht seinen Gang (1971), das Zuchthaus Bautzen schrieb er sich nach Übersiedelung in den Westen von der Seele mit Durch die Erde ein Riß (1981).

Als ich ihn 2004 persönlich kennenlernte, da war Erich Loest bereits eine aussterbende Art, aber schien unverwüstlich: ein politischer Schriftsteller, der es ernst meinte, der sich selbst keinen Opportunismus durchgehen ließ, der auf Feigheit allergisch reagierte und sich immer einmischen musste, wo Unrecht geschah. Er war ein Vielschreiber. Seine Stasibespitzler attackierte er mit dem Zorn des Schafes (1990), die friedliche Revolution feierte er in Nikolaikirche (Roman, 1995), seine Heimkehr nach Leipzig besiegelte er mit der kritischen Chronik Löwenstadt (2009), und dass er nicht aufgeben würde, fürchteten seine Gegner nach dem Geburtstagsbuch Man ist ja keine Achtzig mehr (2011). Seine Gegner, das waren vor allem die Geschichtsklitterer. Solche, die bis heute glauben, dass es mit dem Staatssozialismus auch hätte gut ausgehen können.

Loest wollte nicht zurückkehren

Woran ging die Diktatur nochmal zugrunde? Erich Loest hat die Antwort schon vor mehr als einem halben Jahrhundert am eigenen Leib erfahren: als sie ihn einsperrten im Namen des wahren Sozialismus, um ihm die abweichenden Meinungen auszutreiben. Sieben Jahre Bautzen lautete das Urteil. Der junge Marxist Loest landete dort, wo der absolute Wahrheitsanspruch, wo die linke Erlösungsutopie nunmal enden mussten: ganz unten. Aber was hieß unten? Die Gedenkstätte Bautzen hat Loest nach dem Mauerfall immer wieder vergeblich eingeladen, um in seinem alten Knast zu lesen. Für manche ehemalige Häftlinge war so eine Rückkehr eine Befreiung – zu sehen, dass ihr Gefängnis keines mehr war. Aber Loest wollte nicht zurückkehren.

Vielleicht liegt hier der Schlüssel zum Verständnis seines Selbstmords. Dass einer, der ein Übermaß an Unmenschlichkeit erfahren hat, vielleicht nie ganz ins Helle zurückkehrt. Wie schwach er war, wir wissen es nicht. 

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  • Schlagworte Erich Loest | Chronik | DDR | Gedenkstätte | Gefängnis | Mauerfall
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