Als ich Marcel Reich-Ranicki mein erstes Manuskript zu lesen gab – es war eine Rezension von Peter Schneiders Erzählung Lenz – rief er mich in sein Zimmer, bat mich, die Tür zu schließen und Platz zu nehmen, griff sich das Manuskript und las mir die ersten Sätze mit kraftvoller Stimme laut vor, sodass ich rot vor Scham wurde, denn ich verstand sofort, was er mir dann Punkt für Punkt erläuterte. Meine Sätze, das hatte sein Vortrag gnadenlos hörbar gemacht, waren umständlich, stumpf und klanglos.

Ich ging durch diese von Fall zu Fall sich wiederholenden Übungen hindurch wie ein Klavierschüler durch Czernys Schule der Geläufigkeit, wobei aus mir, um im Bild zu bleiben, kein Franz Liszt (ein Schüler Czernys) geworden ist. Aber begriffen habe ich immerhin eines der Geheimnisse von Reich-Ranickis Erfolg, und ich stieß auf die mir damals neue Erkenntnis, dass es nichts hilft, interessante Gedanken zu haben, wenn man sie nicht wirkungsvoll darstellen kann.

Reich-Ranicki unterzog auch seine eigenen Texte diesem Verfahren. Alles kam für ihn darauf an, dass seine Rezensionen von möglichst vielen gelesen wurden. Er wollte Einfluss und Geltung. Beides hat er erreicht wie keiner vor ihm.

Damals, das war 1974. Reich-Ranicki war eben zur FAZ gekommen, während ich dem Feuilleton schon eine Weile als Jungredakteur angehörte. Eins hatte ich ihm voraus: Während er noch nie in einer Zeitungsredaktion gearbeitet hatte, wusste ich, wie man Umbruch macht. Ich kannte die Metteure in der Setzerei. Begriffe wie Cicero oder Borgis waren mir vertraut. Ich konnte ihm das erklären, er lernte schnell. Es war noch in der alten Zeit, in der Bleizeit.

So haben wir sechs Jahre zusammengearbeitet und ich habe gewaltig viel von ihm gelernt: Von seiner Genauigkeit, von seiner eminenten literarischen Kenntnis, von seinem leidenschaftlichen Temperament, dem nie etwas gleichgültig war – sofern es die Literatur betraf. Das Reisen, die Politik, die Natur und schicke Autos interessierten ihn nicht. Für schöne Frauen allerdings hatte er einen Blick.

Die Literaturgeschichte mit all ihren Namen, Zitaten und Fakten hatte er jederzeit völlig präsent. Und wenn er mich bei einer Unkenntnis erwischte, was leider sehr oft geschah, dann lachte er und schrie: "Das weiß doch jeder Tankwart!" Er liebte diesen Ausspruch auch dann noch, als die Tankwarte allmählich verschwanden.

Mit ihm zusammenzuarbeiten war anstrengend, aber es machte Spaß. Wenn die neuen Bücher kamen, wurden sie auf einem Tisch ausgebreitet, und Reich-Ranicki griff sich eins davon heraus, schlug die erste Seite auf und las sie mit Stentorstimme vor. "Das taugt schon mal nichts", lautete nicht selten sein Urteil.

Er war neugierig wie jeder gute Kritiker und sein Ehrgeiz lag darin, junge Autoren zu entdecken. Einmal erzählte er: Wenn sein Vater sich darüber beschwerte, dass die Suppe zu heiß sei, sagte die Mutter: "Das ist ein Fehler, der von selber besser wird." Er zitierte die Familienanekdote, als ich einmal über ein Buch bemerkte, dessen Autor sei möglicherweise noch zu jung.

Nein, das hier ist kein Nachruf, nur eine persönliche Erinnerung. Er war ein bedeutender Mann und ich verneige mich vor ihm voller Trauer.