Friedrich von BorriesMit Glamour gegen den Kapitalismus

In "RLF" schreibt Friedrich von Borries einen Crashkurs der Kapitalismuskritik. Ästhetisch und intellektuell ist das Buch virtuos. Aber in seinen Folgerungen zweifelhaft. von Maximilian Probst

An Friedrich von Borries kommt man gerade nicht vorbei. Wo immer etwas passiert, ist Borries, der Kunstprofessor der Hamburger HfBk, der Architekt, Designer, Theoretiker und Schriftsteller schon da gewesen, wo immer ein schlauer Gedanke formuliert wird, hat Borries ihn schon in sein Werk überführt. Man kommt aber auch deswegen nicht an Borries vorbei, weil es bei ihm immer ums ganz Große geht, ums große Ganze, um das also, wo jeder ein Wörtchen mitreden kann. Führe er nach Afrika, er würde vermutlich über die Big Five schreiben, über Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard. Da er aber meist in den westlichen Metropolen unterwegs ist, in London, Paris, Berlin, New York, knöpft er sich lieber die vier großen Ks unserer Zeit vor, all das, was richtig krass ist: Kapitalismus, Krise, Konsum und Kontrolle.

So war es in Borries Roman 1 WTC über das panoptische New York nach den Anschlägen auf das World Trade Center, so war es in Borries Schrift Niketown über den Einfluss von Unternehmen auf die Stadtentwicklung und so ist es nun in seinem neuen Buch RLF. Das Akronym steht für das "richtige Leben im falschen", eben jenes Leben, das es laut Adornos berühmter Sentenz aus den Minima Moralia nicht gibt. Das hindert Borries nicht, seinen Protagonisten Jan auf die Suche danach zu schicken.

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Jan, verheiratet, zwei Kinder, wohnhaft im Hamburger Edelvorort Blankenese, ist erfolgreicher Werber bei der Agentur Scholz&Friends. In London soll er internationalen Marketingvertretern einen Turnschuh schmackhaft machen, der unter dem Namen "Urban Force" als Schuh für Freiheitskämpfer angepriesen wird. Das alte Spiel, wie es seit Dada oder Punk bekannt ist: Ein Begehren nach Revolte und Veränderung wird vom Kapitalismus abgeschöpft, integriert, in Ware verwandelt. Nur dass im Fall von Jan sich die Sache nochmal umdreht und der Werber von dem revolutionären Begehren selbst ergriffen wird. 

Schmucklose Sprache

Bei einem anschließenden nächtlichen Date in London brechen plötzlich die Riots von 2011 los. Von der schönen Angelique gedrängt, findet sich Jan selbst auf der Seite der Straßenkämpfer wieder. Er wirft die Scheibe eines H&M-Ladens ein, randaliert, flüchtet vor der Polizei, hat mit Angelique in einem Park wilden Sex und kehrt mit einem Hochgefühl von Freiheit nach Hamburg zurück.

Borries zeigt in einer glatten, schmucklosen Sprache, wie Jan sein altes Leben nach und nach abstreift, wie er als Trendscout ins New Yorker Occupy-Wall-Street-Camp fährt und dann immer tiefer in einen revolutionären Zirkel um die Aktivistin Slavia und den Künstler Mikael Mikael gerät. Der Gedanke dieses Zirkels, dessen Name dem Buch den Titel gegeben hat, ist dabei im Grunde recht schlicht: Nachdem der Kapitalismus zu genüge gezeigt hat, dass er sich alle Kritik einverleiben könne, bleibe als Ausweg nur, ihn mit seinen eigenen Mitteln zu bekämpfen. Mit Werbung, mit Glamour, mit einem kommerziellem Unternehmen, dessen Produkte den höchsten Ansprüchen des Konsums genügen, kurz: mit Kunst. Das soll das nötige Geld in die Kassen bringen, um eine Mikro-Nation aufzubauen, eine Insel des richtigen Lebens im falschen, einen Anderen Ort. Wer RLF-Produkte kaufe, werde "Shareholder der Revolution", heißt es im Buch.

Friedrich von Borries

ist Architekt und Ausstellungskurator. Außerdem lehrt er Designtheorie in Hamburg. Mit seinem interdisziplinären Büro untersucht er gesellschaftliche Prozesse und deren mögliche Gestaltung.

Aber nicht nur im Buch. Denn Borries treibt großen Aufwand, Dichtung und Wahrheit, Fakten und Fiktionen, Roman und Bericht durcheinander zu bringen, ineinander übergehen zu lassen, ununterscheidbar und wechselseitig vertauschbar zu machen. Man kennt dieses Verfahren, es hat eine lange, auf Don Quijote zurückgehende Vorgeschichte. Mit der Postmoderne ist es schließlich zum Regelfall kultureller Produktion geworden. Aber keiner hat dieses Verfahren so weit getrieben wie Borries. 

So weit, dass es tatsächlich RLF-Produkte gibt, Möbel, Accessoires und Mode, die über die Unternehmenswebsite und temporäre Shops in Berlin, momentan in der St. Agnes-Kirche, verkauft werden. Etwa einen vergoldeten Ikea-Tisch, bei dem das Edelmetall über die Zeit abblättern wird, bis darunter der Spruch "Don't  be afraid" zutage tritt. So soll dem Käufer Mut zugesprochen werden, sich nicht vom kapitalistischen System kirre machen zu lassen. Auch das übrigens eine Wendung und Verwendung der Waffen des Gegners. Es war Bürgermeister Rudolph Giuliani, der nach dem 11. September die New Yorker aufforderte: "Show you’re not afraid. Go shopping."

Im Geiste Pessoas

Das Gesamtkonzept von RLF verantwortet angeblich der Künstler Mikael Mikael. Der Künstler habe, so stellt es Borries dar, ihm das Material für das Buch und das Unternehmen zugespielt. Mikael selbst lebe im Untergrund, er sei abgetaucht aufgrund haarsträubender Geschichten, die ihm in New York widerfuhren (davon erzählt der Vorgänger-Roman 1 WTC).  Plausibler ist, dass es sich bei Mikael Mikael um ein Heteronym handelt, das Borries nach dem Vorbild Fernando Pessoas entworfen hat. Der portugiesische Dichter hatte gleich vier Persönlichkeiten erfunden, mit eigener Biografie versehen und unter je eigenem Namen schreiben lassen. Das subversive Potenzial dieser Praxis leuchte jedenfalls ein. Heteronyme unterlaufen die festschreibenden, fixierenden, stabilisierenden Kontrollmechanismen, auf denen der moderne Staat und der Kapitalismus weitgehend beruhen.

Überhaupt liest sich das Buch in weiten Strecken wie ein Crashkurs in Kapitalismuskritik. Das liegt auch an den Gastauftritten, die ein paar nachweislich reale Gestalten im Buch haben, wie die Philosophin Judith Butler, Kalle Lasn, der Occupy-Wall-Street ins Leben gerufen hat, Hakim Bay, dem Theoretiker der Temporären Autonomen Zone, der Benetton-Fotograf Oliviero Toscani oder der Sozialpsychologe Harald Welzer. Borries (oder Mikael Mikael) hat sie über die Möglichkeiten eines richtigen Lebens im falschen befragt und die Gespräche als Transkripte ins Buch eingefügt.

Leserkommentare
    • Rutland
    • 06. September 2013 14:37 Uhr

    würde Theodor W. Adorno zu all dem sagen?

    Er wäre wohl ob der Flachheit der Ergüsse entsetzt.

    4 Leserempfehlungen
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    "Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein."

    Allein die Tatsache, dass hier wohl einer der berühmtesten Sätze Adornos zitiert wird, der zwar ein wichtiger Bezugspunkt von Adornos Philosophie sein dürfte, allerdings nur darum Berühmtheit erlangen durfte, weil dieser wie auch sämtliche anderen oft zitierten Sentenzen landauf-landab unverdaut wiedergekäut werden, wie sich auch an der Handlung des Buches zeigt:

    "Nur dass im Fall von Jan sich die Sache nochmal umdreht und der Werber von dem revolutionären Begehren selbst ergriffen wird"

    "findet sich Jan selbst auf der Seite der Straßenkämpfer wieder. Er wirft die Scheibe eines H&M-Ladens ein, randaliert, flüchtet vor der Polizei, hat mit Angelique in einem Park wilden Sex und kehrt mit einem Hochgefühl von Freiheit nach Hamburg zurück"

    Ja genau, so sieht der Kampf gegen das richtige Leben im Falschen aus, Herr von Borries. Schön, das Adorno solcher Schmarn erspart blieb...

  1. "Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein."

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Und was ...."
  2. Allein die Tatsache, dass hier wohl einer der berühmtesten Sätze Adornos zitiert wird, der zwar ein wichtiger Bezugspunkt von Adornos Philosophie sein dürfte, allerdings nur darum Berühmtheit erlangen durfte, weil dieser wie auch sämtliche anderen oft zitierten Sentenzen landauf-landab unverdaut wiedergekäut werden, wie sich auch an der Handlung des Buches zeigt:

    "Nur dass im Fall von Jan sich die Sache nochmal umdreht und der Werber von dem revolutionären Begehren selbst ergriffen wird"

    "findet sich Jan selbst auf der Seite der Straßenkämpfer wieder. Er wirft die Scheibe eines H&M-Ladens ein, randaliert, flüchtet vor der Polizei, hat mit Angelique in einem Park wilden Sex und kehrt mit einem Hochgefühl von Freiheit nach Hamburg zurück"

    Ja genau, so sieht der Kampf gegen das richtige Leben im Falschen aus, Herr von Borries. Schön, das Adorno solcher Schmarn erspart blieb...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Und was ...."
  3. Wer lesen möchte, was Bay über die "TAZ" schreibt:
    http://www.sterneck.net/p...

    • die20
    • 07. September 2013 10:06 Uhr

    " Afrika, er würde vermutlich über die Big Five schreiben, über Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard. Da er aber meist in den westlichen Metropolen unterwegs ist, in London, Paris, Berlin, New York, knöpft er sich lieber die vier großen Ks unserer Zeit vor, all das, was richtig krass ist: Kapitalismus, Krise, Konsum und Kontrolle."

    Lieber Herr Probst,
    auch wenn ich Ihnen keine Absicht unterstellen mag, so finde ich es erschreckend welches stereotypisierende "Afrikabild" Sie zeichnen, indem Sie Ihren Vergleich zwischen "Afrika" und "Paris, London, Berlin und New York ziehen.
    Ich dachte nicht, dass es nötig wäre, bei einem "Qualitätsmagazin" wie der Zeit, darauf hinzuweisen, dass Afrika kein einheitlicher Kontinent ist, der aus Steppe und wilden Tieren besteht während sich in Europa die großen Denker mit wichtigen Fragen beschäftigen.
    Zwar steht dies nicht in im Fokus des Artikels, aber meines Erachtens sind die subtilen am Rande beschriebenen Stereotype die weitaus gefährlicheren, da sie nicht direkt ins Auge fallen. (Obwohl man hier anmerken mag, dass es manchem doch ziemlich ins Auge springt!)

    Ich würde mich über eine Antwort bzw. Änderung freuen!

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    Zeitgemaesse Kapitalismus Kritik auf Afrikanisch : Muammar, Mandela , Mobutu, Mugabe, Mengisto, Mubarak.. mmmmmmmmmmmmm schmeckt das besser?

    Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/ls

  4. Zeitgemaesse Kapitalismus Kritik auf Afrikanisch : Muammar, Mandela , Mobutu, Mugabe, Mengisto, Mubarak.. mmmmmmmmmmmmm schmeckt das besser?

    Antwort auf ""Afrikabild""
  5. Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/ls

    Antwort auf ""Afrikabild""

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  • Schlagworte Kapitalismus | Buch | World Trade Center | MIT | Revolution | London
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