Wahlkampf : Die hohe Kunst des Anbiederns

… und ein paar Beispiele, wie man es keinesfalls macht. Ein paar Handreichungen für Nachwuchspolitiker, erfolglose Wahlkämpfer und Kanzlerkandidaten

Dass du dich als Politiker beim Wahlvolk anbiedern musst, ist klar. Ist ja keine Diktatur hier, wo du die Urnen manipulieren, die Gegner wegsperren oder von vornherein alle anderen Parteien verbieten kannst. Von wegen. Hier müssen dir die Leute erstmal ihre Stimme geben, bevor du ihnen Gutes tun darfst, und die geben sie dir nur, wenn sie dich mögen. Oder dich zumindest nicht ganz so unerträglich finden wie deine Gegner. 

Mehr kannst du als Politiker heutzutage eigentlich nicht erwarten: dass man dich eine Spur weniger unerträglich findet als deine Gegner. Wenn du das schaffst, gewinnst du. Wenn du das schaffst, darfst du regieren, und das ist toll. Dafür lohnen sich dann die zehntausend heruntergeleierten Bierzeltreden und die Nonstop-Gute-Laune-Show und die Schulterschlüsse mit Leuten, denen du in Wirklichkeit eine Wurzelbehandlung wünschst, und der ganze sonstige Müll, mit dem du unentwegt überschüttet wirst und den du in dich rein schluckst, als wär's Champagner. Wenn du so drüber nachdenkst, zieht dich diese Anbiederungsparade ordentlich runter, aber du jammerst nicht. Das hast du nämlich schon vorher gewusst: dass das Anbiedern zum Job gehört wie der Kater zum Suff. 

Was du dabei stets im Blick behalten musst: dass Anbiederung eine Kunst darstellt. Eine ziemlich hohe sogar, eine, die eiserne Regeln besitzt. Die erste und wichtigste Regel lautet: Biedere dich stets in Übereinstimmung mit deinem Charakter an! Wenn du beispielsweise der unjugendlichste, unlockerste Typ bist, der die Politbühne je betreten hat, dann vertusch das nicht. Niemand will von Typen regiert werden, die jugendlich-lockere Typen imitieren. Am allerwenigsten die jugendlich-lockeren Typen selbst. Die verschlafen meist eh die Wahl. Oder gründen gleich eine eigene Partei, mit der sie genau einmal den Berliner Senat kapern, um dann sofort wieder abzusaufen. Da stehst du drüber, meilenweit. 

Über den Autor

Thomas Klupp, geboren 1977 in Erlangen, lebt auf dem Land bei Hildesheim. Er ist Autor und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Literarisches Schreiben der Universität Hildesheim. Im Jahr 2009 erschien sein Debütroman Paradiso im Berlin Verlag. 2011 erhielt er beim Bachmann-Wettlesen den Publikumspreis.

Versuch also nie, Studenten, Schüler oder sonstige Jungwähler für dich zu gewinnen, indem du ihnen vielleicht einen Kasten Bier in die WG stellst und mit ihnen zu bechern beginnst. Das nimmt dir keiner ab. Das ist der PR-Super-GAU. Spiel stattdessen mit deinem Supermarktkettenfilialleiter-Charme. Setz auf dein uncooles Charisma. Wenn du das geschickt inszenierst, vertrauen dir die Leute. Dann törnst du das Wahlvolk an.

Die zweite Regel hat mit Timing zu tun. Sie lautet: Biedere dich deiner jeweiligen Zielgruppe langsam an! Sagen wir mal, dein Imageteam hat bei seiner 137. Wählerbefragung herausgefunden, dass die ganzen Facebook-YouTube-Twitter-User glauben, du wärst in der elektronischen Steinzeit geboren. Dann musst du reagieren, völlig klar. Dann musst du denen zeigen, dass du Social Media kannst. Aber ohne Eile, bitte schön. 

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Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Summi Pontificis Breviloquentis @ #8]

Der Papst fasst sich kurz. Dem Papst bzw. seinen Beratern ist es sogar gelungen, das angelsächsische Twitter-Vokabular ins Lateinische zu übertragen. Die wörtliche Übersetzung von 'der Papst twittert' hätte auf Latein ungefähr 'Pontifex Maximus pipilate' gelautet, 'der Papst zwitschert'. Das klingt natürlich albern. Eine idiomatisch bessere Lösung (siehe Überschrift) wurde dann in einem Brief Ciceros gefunden: Seitdem fasst sich der Papst auf Latein kurz, und rund 150.000 Menschen hören ihm zu.
[Quelle: http://www.dradio.de/dlf/... ]

Allerdings könnte Twittern auch vom Englischen twit herkommen.