WahlkampfDie hohe Kunst des Anbiederns

… und ein paar Beispiele, wie man es keinesfalls macht. Ein paar Handreichungen für Nachwuchspolitiker, erfolglose Wahlkämpfer und Kanzlerkandidaten von Thomas Klupp

Dass du dich als Politiker beim Wahlvolk anbiedern musst, ist klar. Ist ja keine Diktatur hier, wo du die Urnen manipulieren, die Gegner wegsperren oder von vornherein alle anderen Parteien verbieten kannst. Von wegen. Hier müssen dir die Leute erstmal ihre Stimme geben, bevor du ihnen Gutes tun darfst, und die geben sie dir nur, wenn sie dich mögen. Oder dich zumindest nicht ganz so unerträglich finden wie deine Gegner. 

Mehr kannst du als Politiker heutzutage eigentlich nicht erwarten: dass man dich eine Spur weniger unerträglich findet als deine Gegner. Wenn du das schaffst, gewinnst du. Wenn du das schaffst, darfst du regieren, und das ist toll. Dafür lohnen sich dann die zehntausend heruntergeleierten Bierzeltreden und die Nonstop-Gute-Laune-Show und die Schulterschlüsse mit Leuten, denen du in Wirklichkeit eine Wurzelbehandlung wünschst, und der ganze sonstige Müll, mit dem du unentwegt überschüttet wirst und den du in dich rein schluckst, als wär's Champagner. Wenn du so drüber nachdenkst, zieht dich diese Anbiederungsparade ordentlich runter, aber du jammerst nicht. Das hast du nämlich schon vorher gewusst: dass das Anbiedern zum Job gehört wie der Kater zum Suff. 

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Was du dabei stets im Blick behalten musst: dass Anbiederung eine Kunst darstellt. Eine ziemlich hohe sogar, eine, die eiserne Regeln besitzt. Die erste und wichtigste Regel lautet: Biedere dich stets in Übereinstimmung mit deinem Charakter an! Wenn du beispielsweise der unjugendlichste, unlockerste Typ bist, der die Politbühne je betreten hat, dann vertusch das nicht. Niemand will von Typen regiert werden, die jugendlich-lockere Typen imitieren. Am allerwenigsten die jugendlich-lockeren Typen selbst. Die verschlafen meist eh die Wahl. Oder gründen gleich eine eigene Partei, mit der sie genau einmal den Berliner Senat kapern, um dann sofort wieder abzusaufen. Da stehst du drüber, meilenweit. 

Über den Autor
Über den Autor

Thomas Klupp, geboren 1977 in Erlangen, lebt auf dem Land bei Hildesheim. Er ist Autor und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Literarisches Schreiben der Universität Hildesheim. Im Jahr 2009 erschien sein Debütroman Paradiso im Berlin Verlag. 2011 erhielt er beim Bachmann-Wettlesen den Publikumspreis.

Versuch also nie, Studenten, Schüler oder sonstige Jungwähler für dich zu gewinnen, indem du ihnen vielleicht einen Kasten Bier in die WG stellst und mit ihnen zu bechern beginnst. Das nimmt dir keiner ab. Das ist der PR-Super-GAU. Spiel stattdessen mit deinem Supermarktkettenfilialleiter-Charme. Setz auf dein uncooles Charisma. Wenn du das geschickt inszenierst, vertrauen dir die Leute. Dann törnst du das Wahlvolk an.

Die zweite Regel hat mit Timing zu tun. Sie lautet: Biedere dich deiner jeweiligen Zielgruppe langsam an! Sagen wir mal, dein Imageteam hat bei seiner 137. Wählerbefragung herausgefunden, dass die ganzen Facebook-YouTube-Twitter-User glauben, du wärst in der elektronischen Steinzeit geboren. Dann musst du reagieren, völlig klar. Dann musst du denen zeigen, dass du Social Media kannst. Aber ohne Eile, bitte schön. 

Leserkommentare
  1. Was ich noch vergessen habe: Journalisten haben immer recht. Egal wie häufig sie vorher irgendeinen Bockmist geschrieben haben. Wehe Du kriechst ihnen nicht in den Hintern. Dann machen sie Dich fertig. Die meisten von ihnen haben zwar einen IQ von vergammeltem Toastbrot und sehen es als Ziel eines Interviews dar, Dich schlecht aussehen zu machen oder Dir eine These zu entlocken, die sie selber vorher festgelegt haben. Das nennt man ergebnisorientiertes Arbeiten. Du musst das schlucken ohne mit der Wimper zu zucken, das gehört zum Beruf dazu. Wehe Du bist nicht freundlich. Und wehe Du bist zwar freundlich, machst die Journalisten aber freundlich auf ihre Fehler aufmerksam. OHOHOHOHOH! Das geht gar nicht. Kapiert?

    8 Leserempfehlungen
    • Skeptic
    • 11. September 2013 11:27 Uhr

    "Wenn du zum Beispiel am 9. Dezember Kanzlerkandidat wirst, und am 12. geht plötzlich dein Twitteraccount an den Start, und wenn du dann auch noch im von dir so gelabelten Twitterview deine Antworttweets auf die Fragen deiner Follower ins digitale Nirvana schickst, weil du in der Hektik irgendwas mit dem #hashtag oder so nicht verstanden hast – dann hast du ein Problem."

    Nun, der Autor hat offensichtlich ein Problem damit, sich der deutschen Sprache zu bedienen. Allein der oben stehende Satz strotzt vor Anglizismen, welche den Autor wohl hip, cool oder modern erscheinen lassen sollen. Ich empfinde allerdings nur als peinlich.

    3 Leserempfehlungen
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    >> Nun, der Autor hat offensichtlich ein Problem damit, sich der deutschen Sprache zu bedienen. <<

    Sie:

    "Wenn du zum Beispiel am 9. Dezember Kanzlerkandidat wirst, und am 12. plötzlich dein Gezwitscherkonto eröffnest, und wenn du dann auch noch im von dir so bezeichneten Zwitscherblick dein Antwortgezwitscher auf die Fragen deiner Anhänger ins digitale Nirwana schickst, weil du in der Hektik irgendwas mit dem #Rautenzeichenetikett oder so nicht verstanden hast – dann hast du ein Problem."

    Nur schade, dass das keiner versteht.

    • snoek
    • 11. September 2013 12:31 Uhr

    Das sind globale, technische Fachbegriffe für die es keine richtigen deutschen Wörter gibt. Und es ist ebenfalls peinlich, wenn jemand glaubt, dass Anglizismen heute noch hip, cool oder modern wären, denn wenn Sie sowas glauben sind Sie nicht besonders -it-.

    Ironie ist nicht so Ihr Ding, hm?

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine angemessene Wortwahl. Danke, die Redaktion/jk

    Bei Ihnen wäre wohl der Anbiederungsversuch an die Facebook-YouTube-Twitter-User (engl: Gesichtsbuch-DeinRohr-Gezwitscher-Benutzer) völlig an der Zielgruppe vorbei ;)

  2. Niemand guckt mehr auf Inhalte, da ist es doch kein Wunder, das solche Artikel geschrieben werden...
    Unsere Parteien haben ganz unterschiedliche von der Zukunft Deutschlands, trotzdem schaut sich niemand die Programme an, sondern lassen sich über die Direktheit von Peer Steinbrück oder über das LariFari von Angela Merkel aus.
    Wir Wähler wollen doch von den Persönlichkeiten umgarnt werden, weil wir zu faul sind, uns zu informieren - auch wenn ich das hier wohl dem falschen Publikum sage.

    9 Leserempfehlungen
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    daß auch Wahlprogramme nur selten realistische Schlüsse auf die tatsächliche Politik im Falle eines Wahlerfolges zulassen - zumindest auf Bundesebene.

  3. Wollten sie nicht Beispiele für schlechte Werbung bringen?

    www.peer-steinbrück.de <-- Error 404 (schade, ich weiss, dass es sehr viele Menschen in unserem Land gibt, die durch die Substitution von ü mit ue überfordert sind
    www.peer-steinbrueck.de <--- jo omfg. Ein guter Gegensatz zur Merkelpage.

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    Es geht auch einfacher - einfach "Schwarzarbeit" googeln
    und du bist bei Steinbrück - egal ob ü oder ue!

  4. Es geht auch einfacher - einfach "Schwarzarbeit" googeln
    und du bist bei Steinbrück - egal ob ü oder ue!

    Antwort auf "Wie man es nicht macht"
  5. Wer glaubt, nur in der letzten Phase des Wahlkampfes zu wirklichen Attributen mit Bestand zu gelangen, der ist naiv oder genauso oberflächlich wie die Kampagnen der verschiedenen Parteien.
    Leider gibt es nur wenige Politiker, die auch nach der Wahl nicht müde werden, Menschen für Politik zu interessieren, die kein Anliegen haben oder längst aufgegeben haben, von der Politik etwas zu erwarten. Mehrheitlich spiegelt sich der Mandatsträger in seinem Dunstkreis der politisch ambitionierten oder von der Politik abhängigen Menschen.
    Ich träume davon, dass sich ein Mandatsträger dazu herablässt, zum Beispiel diesen stumpfsinnigen und spontanen Menschen aufzusuchen, der in der Hellersdorf-Berichterstattung mit seinem "Wir sind das Volk"-Gegröle auch international durch die Berichterstattung ging. Fatalismus der Politik gegenüber der immer zahlreicher werdenden politischen Schlichtheit führt auf direktem Weg in eine tiefergehende Verdrossenheit gegenüber Politik.

  6. >> Nun, der Autor hat offensichtlich ein Problem damit, sich der deutschen Sprache zu bedienen. <<

    Sie:

    "Wenn du zum Beispiel am 9. Dezember Kanzlerkandidat wirst, und am 12. plötzlich dein Gezwitscherkonto eröffnest, und wenn du dann auch noch im von dir so bezeichneten Zwitscherblick dein Antwortgezwitscher auf die Fragen deiner Anhänger ins digitale Nirwana schickst, weil du in der Hektik irgendwas mit dem #Rautenzeichenetikett oder so nicht verstanden hast – dann hast du ein Problem."

    Nur schade, dass das keiner versteht.

    5 Leserempfehlungen
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    • sioux
    • 11. September 2013 14:25 Uhr

    Hier schlage ich den Begriff #Rautenzeichenauszeichnungselement" vor.

    Der Papst fasst sich kurz. Dem Papst bzw. seinen Beratern ist es sogar gelungen, das angelsächsische Twitter-Vokabular ins Lateinische zu übertragen. Die wörtliche Übersetzung von 'der Papst twittert' hätte auf Latein ungefähr 'Pontifex Maximus pipilate' gelautet, 'der Papst zwitschert'. Das klingt natürlich albern. Eine idiomatisch bessere Lösung (siehe Überschrift) wurde dann in einem Brief Ciceros gefunden: Seitdem fasst sich der Papst auf Latein kurz, und rund 150.000 Menschen hören ihm zu.
    [Quelle: http://www.dradio.de/dlf/... ]

    Allerdings könnte Twittern auch vom Englischen twit herkommen.

  7. seit damals wird den kunden erfolgreich 'eingehämmert', dass ein bestimmtes waschmittel weißer als weiß wäscht.

    geht ich heut durch die straßen sehe ich nur plakate, mit der gleichen inhaltstiefe wie ... siehe oben.

    woher sollten wir dann den mut nehmen, dass der wahlkampf in den neuen medien (= neuland!) anders verläuft?!

    => der kunde war und ist der umsatzbringer, der wähler das stimmvieh. inhalte können da nur schaden anrichten.

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Kunst | Wahlkampf | Edmund Stoiber | Kurt Beck | Berliner Senat | Browser
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