Brasilien ist derzeit ein unruhiges Land. Ein Land der Rebellion, des Aufbruchs, der Zukunftsfreude. Und einer unbändigen kreativen Energie. Nach Diktatur und Staatsbankrott in den achtziger Jahren gelang dem größten lateinamerikanischen Land ein rasanter wirtschaftlicher Aufstieg, dessen Risse und Schattenseiten im Vorfeld von Großereignissen wie der Fußballweltmeisterschaft 2014 und Olympia 2016 zu Tage treten. Kaum jemand hatte mit der Wucht gerechnet, mit der Brasiliens Mittelstand seinem Ärger in diesem Sommer Luft machte: Ärger über soziale Ungerechtigkeit, über Korruption und Verschwendung öffentlicher Mittel angesichts der katastrophalen Situation von Krankenhäusern, Schulen, Universitäten.

Lange ist Literatur aus Brasilien international kaum wahrgenommen worden, obwohl das Land eine bemerkenswerte literarische Tradition hat. Man denke nur an den Lyriker Carlos Drummond de Andrade, an die Erzählerin Rachel de Queiróz, an Graciliano Ramos oder Jorge Amado, die bereits in den dreißiger Jahren publizierten. Auch der Boom der sogenannten lateinamerikanischen Literatur in Europa, der seit den siebziger Jahren auch für nachfolgende Generationen hispanoamerikanischer Schriftsteller international ein gewisses Interesse schuf, ist an Brasilien weitgehend vorbeigegangen. Nun aber tritt eine neue, überraschend starke, thematisch und stilistisch vielfältige Generation von Autorinnen und Autoren hervor, die Brasiliens Wandel begleitet.

© Verlag Klaus Wagenbach

Die Anthologie Popcorn unterm Zuckerhut stellt die wichtigsten Stimmen vor und spielt zugleich mit einem der omnipräsenten, konsumorientierten Brasilienklischees: dem Bild des Popcornverkäufers an der Copacabana.

Der Herausgeber Timo Berger verkauft seine sorgsam erlesene Auswahl junger Autoren wie Daniel Galera, Carola Saavedra, Adriana Lisboa und João Paulo Cuenca augenzwinkernd als "Sammlung kleiner Leckerbissen". Die heutige Generation von Schriftstellern, so Berger, "weiß selbstbewusst um ihre Zeitgenossenschaft in einer Epoche, in der alles möglich ist, sogar dass man als Brasilianer (einer aus dem Süden!) nicht über den Dschungel schreibt, nicht über die Favelas und schon gar nicht (weil es alle erwarten) über soziale Unterschiede, Gewaltverbrechen und eine bis heute leidlich aufgearbeitete Militärdiktatur. Nein, lasst uns verdammt noch mal über Literatur reden!"

© Suhrkamp

Der wichtigste Autor dieser brasilianischen Schriftstellergeneration ist der 1979 geborene Daniel Galera, der mit seinem vierten Roman Flut jetzt erstmals ins Deutsche übersetzt wurde. Galera ist selbst Übersetzer von US-amerikanischen Autoren wie Zadie Smith, Jonathan Safran Foer, David Foster Wallace und Hunter S. Thompson, aber auch in brasilianisch-hispanoamerikanischen Traditionen geschult.

Sein als Familienroman angelegtes Buch erzählt die Spurensuche eines Mannes nach der Geschichte seines Großvaters in einem brasilianischen Fischerdorf und ist letztlich ein Roman über das Erzählen selbst, wie er vor Galera Autoren wie Julio Cortázar oder Roberto Bolaño gelungen ist. 

© Hanser Verlag

Auch Andréa del Fuego, Autorin des eigensinnigen Debütromans Geschwister des Wassers, konfrontiert ihre Leser mit der existenziellen Einsamkeit ihrer Figuren, wenngleich mit ganz anderen, vom magischen Realismus und von dem großen brasilianischen Erzähler João Guimarães Rosa beeinflussten Mitteln.

Sie erzählt in eindringlichen, aber auch verspielten poetischen Bildern die Geschichte von drei Kindern, deren Eltern vom Blitz erschlagen werden und die als Waisen ohne einander aufwachsen müssen, bis sie zum Ort ihres Traumas zurückkehren: das Haus ihrer Eltern in der brasilianischen Serra Morena soll einem großen Staudammprojekt weichen.