Frankfurter Buchmesse 2013 © Hannelore Foerster/Getty Images

Es ist Freitag, kurz nach 18 Uhr. Das bedeutet nach einem langen Buchmessentag: vom Messegelände schnell hinüber auf die andere Straßenseite in den Hessischen Hof, zum Empfang des C.H. Beck Verlags. Ein traditioneller Termin mit traditionell mäßigen Häppchen, "immer am gleichen Tag, zur gleichen Uhrzeit, im gleichen Ambiente", wie es Verlagsleiter Wolfgang Beck in seiner gleichfalls traditionellen Ansprache sagt. Dieses Mal aber sei alles ein bisschen anders: "Der Verlag gestattet sich, sich selbst zu thematisieren." Anlass: der 250. Geburtstag des Münchner Verlages, der sich seit seiner Gründung 1763 in Nördlingen in Familienbesitz befindet.

Die zweibändige Geschichte des C.H. Beck Verlags wird vorgestellt, verfasst vom Rechtshistoriker Uwe Wesel, der für die rechtswissenschaftliche Ausgabe zuständig war, und dem Althistoriker Stefan Rebenich, der sich um den kulturwissenschaftlichen Verlag kümmerte. Dass es mehr als nur "ein bisschen anders" zugehen würde, darauf weist womöglich schon die Rede des zehn Jahre älteren Bruders von Wolfgang Beck hin. Der 81 Jahre alte Hans Dieter Beck, der das Verlagsprogramm in den Bereichen Recht, Steuern und Wirtschaft verantwortet, stellt insbesondere Uwe Wesel vor und erwähnt dabei, dass er nicht zuletzt deshalb Jura studiert habe, weil die Professoren in diesem Fachbereich viel besser hätten reden können als die Germanisten.

Tatsächlich ist seine Rede viel besser und unterhaltsamer als die seines Bruders. Vielleicht ist Hans Dieter Becks Auftritt mitsamt der Tatsache, dass zwei Autoren für die Verlagsgeschichte engagiert wurden, ein Hinweis darauf, dass es in puncto Verlagsgeschichte und Jubiläum brüderlichen Zwist gegeben hat.

Ganz offen äußert sich Uwe Wesel. Ihm passt Rebenichs Lesart nicht, dass sich der Verlag damals unter Heinrich Beck mitschuldig an den Verbrechen der Nationalsozialisten gemacht habe. 1933 war der jüdische Verleger Otto Liebmann von den Nazis in Berlin zum Verkauf seines juristischen Verlags gezwungen worden, Heinrich Beck stand als Käufer parat. In Folge wurde der C.H. Beck Verlag zum größten juristischen Fachverlag in Deutschland. Rebenich bezeichnet diesen Kauf als "Arisierung" und Heinrich Beck als "stillen Teilhaber" des NS-Regimes – eine Lesart, die Wesel an diesem Abend seltsam empört zurückweist. Im juristischen Sinn sei Beck bei der Entnazifizierung nicht einmal als "minderbelastet" einzustufen gewesen, so Wesel. Auch Liebmanns Existenz habe er nicht vernichtet, der Preis, den Beck zahlte, sei ein angemessener gewesen. Rebenich hält sich mit scharfen Kontern zurück. Trotzdem ist man irritiert: ausgerechnet hier solche Misstöne!

Kein wirkliches Aufregerthema

So spektakulär ist es sonst nicht zugegangen auf dieser 65. Frankfurter Buchmesse. Man könnte sie als langweilige Ausgabe bezeichnen, so wenig Aufreger gab es. Boris Beckers Auftritt am Donnerstag und ein Satz von ihm wie: "Auch ich habe eine Schamgrenze. Auch ich habe Sensibilität"? Nein. Die Wahl von Terézia Mora als Deutsche Buchpreisgewinnerin? Sehr ordentlich. Das Gastland Brasilien? Das war vor allem mit sich selbst beschäftigt. Das Gastland 2014, Finnland? Nein, auch nicht. Trotz Mumins-Lollis, trotz viel beschworener "Coolness", trotz hundert angestrebter Übersetzungen ins Deutsche fürs kommende Jahr. Und das Buch, dass einen heftigen Bieterkampf unter deutschen Verlagen ausgelöst hat: die Familiengeschichte der ehemaligen Chefin des Berlin Verlags und von Hanser Berlin, Elisabeth Ruge? Na ja, vielleicht. Von 300.000 Euro für die Rechte war gerüchtweise die Rede – für ein Buch, das nicht zwangsläufig ein Bestseller werden muss.

Und die Digitalisierung? Nein, auch sie war kein wirkliches Aufregerthema. Sie wird in der Branche mal grummelig, mal gut gelaunt integriert. Hans Dieter Beck spricht zwar von "diesem Problem mit den Neuen Medien, das uns so bedenklich stimmt". Weist zugleich aber darauf hin, dass man keine Zukunftsangst kenne und der C.H. Beck Verlag floriere. Auch Hans-Peter Übleis, Geschäftsführer von Droemer/Knaur, ist gewohnt optimistisch. Im Frankfurter Hof berichtet er, dass sein Verlag zehn Prozent seiner Umsätze digital mache, in der Belletristik gar schon 13,14 Prozent. Vermutlich werde man in zwei, drei Jahren US-Verhältnisse haben und E-Books mit einem Anteil von 40 Prozent am Gesamtumsatz verkaufen.

Während in den Hallen 4.0 und 4.2 emsig die digitale "Geschäftsmodellentwicklung", die "E-Book-Selbstvermarktung" oder das "Lesen in der Cloud" diskutiert werden, ist die Buchmesse in Halle 3 und 4.1 mit ihren Schriftsteller-Gesprächen und Lesungen eine zutiefst analoge Veranstaltung. Thomas Glavinic wirkt im Vergleich zu seinen nächtlichen Auftritten immer erstaunlich frisch und geordnet. Am 3sat-Stand weiß er: "Wir können unserem Charakter nicht entkommen. Niemand kann ein anderer werden." Und bemerkt rechtzeitig, wohin es ihn trägt: "Bevor ich hier so Paulo-Coelho-mäßig draufkomme – können wir nicht das Thema wechseln?"