ZEIT ONLINE: Mister Thirlwell, welche Fremdsprachen beherrschen Sie?

Adam Thirlwell: Französisch spreche ich genauso gut wie Englisch. Vor ein paar Jahren konnte ich auch Russisch fließend sprechen, jetzt nicht mehr. Im vorigen Jahr habe ich Deutsch gelernt, aber mein Deutsch ist grässlich. Mein Spanisch auch. Im Grunde spreche ich also nur eine Fremdsprache. Ich lerne ständig neue, und scheitere jedes Mal.

ZEIT ONLINE: In welchen Sprachen trauen Sie sich zu, Literatur zu lesen?

Thirlwell: Auf jeden Fall auf Französisch, auch auf Russisch. Spanisch halbwegs, weil es eine Kombination aus Französisch und Latein ist. Auf Deutsch kann ich einen Artikel lesen, aber keine Literatur. Daniel Kehlmann, mit dem ich befreundet bin, schickt mir zwar seine Bücher auf Deutsch und ich verspreche ihm jedes Mal, sie auch auf Deutsch zu lesen. Aber am Ende lese ich sie doch in der englischen Übersetzung.

ZEIT ONLINE: Ist eine Übersetzung Fluch oder Segen?

Thirlwell: Sie ist eine merkwürdige Kunstform. Denn jeder große Roman existiert in Gestalt einer Übersetzung. Kunst tut das nicht. Wenn ich mir die Mona Lisa ansehe, ist es dieselbe, die auch ein Franzose sieht. Wenn er allerdings Madame Bovary liest, stimmt nicht ein Wort mit dem überein, was ich lese. Und trotzdem reden wir von demselben Buch. Das erscheint mir die grundsätzliche Absurdität, mit der wir seit 500 Jahren leben.

ZEIT ONLINE: Ihre Romane wurden in 30 Sprachen übersetzt.

Thirlwell: Und manchmal bekomme ich viele Fragen von den Übersetzern. Mein erster Roman war sexuell sehr explizit. Mancher Übersetzer hatte Probleme, die obszönen Passagen direkt zu übertragen. Im Englischen kann man nämlich sehr obszön klingen und gleichzeitig immer noch kultiviert und elegant. Mein niederländischer Übersetzer sagte, das klänge furchtbar in seiner Sprache. Viel provokanter. Ich schreibe in diesem merkwürdigen Ton, teils ironisch, teils ernsthaft. Wenn ich manche Übersetzung lese, merke ich, dass sie diese bestimmte Sanftmut im Ton verloren hat. Darauf achte ich am meisten bei meinen Romanen und auch bei den Essays: Auf die Erzählstimme, auf den Tonfall. Keine Ahnung, ob zum Beispiel die koreanische Version charmant klingt oder nicht. Vielleicht klingt sie ja ganz schrecklich.

ZEIT ONLINE: Was macht eine gute Übersetzung aus?

Thirlwell: Oh Gott, das ist eine gewaltige Frage. Ich glaube, wenn man das Schriftsteller fragt, werden sie weniger auf die Bedeutung der einzelnen Wörter fixiert sein als auf die Musikalität des Textes oder auf Wortspiele. Ich selbst streite mich auch häufig mit meinen Übersetzern über diese Dinge. In gewisser Weise versucht man mit einer Übersetzung ja, einen Ersatz zu schaffen – aber ganz offensichtlich kann es nie wirklich einer sein. Man kann nie alles übersetzen, es gibt keine Chance, eine perfekte Kopie herzustellen. Die wirklich guten Übersetzer sind auch immer richtig gute Leser, sie kennen die Essenz des Textes.

ZEIT ONLINE: Was unterscheidet heutige Übersetzungen von denen, die vor 200 Jahren entstanden sind?

Thirlwell: Früher waren Übersetzungen sehr frei und ein bisschen verrückt. Eine der großen Übersetzungen ins Englische war die der Texte des Franzosen François Rabelais. Sie wurden massiv verändert. Wenn sie heute von einem großen Verlag veröffentlicht würden, gäbe es viele Beschwerden, die Leute würden sagen: Das steht so nicht im Original. Es geht jetzt viel mehr als früher darum, Experte in einer Sprache zu sein. Das Ideal einer korrekten Übersetzung bedeutet heute, keine schlimmen Fehler in der Wortbedeutung zu machen. Aber es gibt auch wortgetreue Übersetzungen, die schlecht sind. Das kann also nicht das einzige Kriterium sein. Bei Lyrik gibt es eher eine Tradition von kreativen Übersetzungen, die dann zwar nicht semantisch perfekt sind, dafür aber in anderer Hinsicht.