Doris Lessing hatte nicht mehr damit gerechnet, den Literaturnobelpreis zu erhalten. "Ich bekomme ihn nie", sagte sie einmal. Kurz vor ihrem 88. Geburtstag am 22. Oktober 2007 wurde die britische Autorin dann doch noch mit der höchsten Auszeichnung der Literaturwelt geehrt. Als sie beim Einkaufen davon erfuhr, stellte sie erstmal ihre Taschen hin. "Christ", flüsterte sie, "jetzt habe ich sie alle gewonnen."

Die schwedische Akademie lobte Lessing für die "visionäre Gabe", mit der sie die Zivilisationsgesellschaft ihrer scharfsinnigen Prüfung unterwarf. Ihr selbst ging es nicht in erster Linie um Auszeichnungen. "Ich liebe es, Geschichten zu erzählen", sagte sie 2004 in einem Interview.

Nun ist Doris Lessing tot. Sie starb nach Angaben ihrer Familie am Sonntag im Alter von 94 Jahren in London. Sie sei friedlich eingeschlafen.

Die britische Schriftstellerin war besonders in ihren jungen Jahren stark politisch engagiert, sie gilt als eine ständig warnende und kritische Beobachterin des 20. Jahrhunderts. Lessings Werk Das goldene Notizbuch (1962) ­– ihr großer literarischer Durchbruch – gilt als Klassiker feministischer Literatur, auch gegen Lessings Willen. "Bewegungen lehne ich strikt ab", sagte sie dazu.

Ihr Verlag HarperCollins in London beschrieb Lessing und ihr Werk als ein "Geschenk an die Weltliteratur. Sie war eine der Größten ihrer Generation." Bis ins hohe Alter sei Lessing "Visionär" geblieben, sagte Nicholas Pearson von HarperCollins. "Sie blieb ein unruhiger Geist, neugierig und für jeden eine Inspiration."

Die große alte Dame der britischen Literatur passte in keine literarische Schublade. Sie war schroff, eigenwillig und umstritten. Ehrungen durch die Queen lehnte sie ab und auch Schmeicheleien mochte sie nicht: "Ich war nur Teil des Zeitgeistes. Es war die Zeit, in der ich lebte."

Lessing wurde 1919 als Doris May Taylor in Kermanshah im heutigen Iran geboren. Ihr Vater, ein kriegsversehrter britischer Offizier, zog später mit der Familie ins damals britische Südrhodesien, dem heutigen Simbabwe. Sie sei ein tief unglückliches, rebellisches Kind gewesen, betonte Lessing immer wieder. Sie litt genauso unter ihrem erbitterten Vater wie unter ihrer strengen Mutter.