Schriftstellerin Doris Lessing (2007) © Kieran Doherty/Reuters

Doris Lessing war ihrer Zeit stets einen Schritt voraus. Es ist fast schon ein Wunder, dass die Welt es rechtzeitig schaffte, ihr den Literaturnobelpreis zu verleihen. Das war vor sechs Jahren, die Schriftstellerin war bereits 88 Jahre alt. Jetzt ist sie, wenige Wochen nach ihrem 94. Geburtstag, gestorben. 

Die Ungleichzeitigkeit von Leben, Werk und Rezeption prägt Lessings Biographie. Ihre ersten Bücher wurden fast nur in Großbritannien wahrgenommen. Der Rest der englisch- und dann auch der anderssprachigen Welt entdeckte ihre Werke erst Ende der sechziger Jahre und zum Teil noch viel später. Lessing gehört zu einer seltenen Art: der erfolgreichen, aber noch im Erfolg unverstandenen Schriftstellerinnen.

Doris May Tayler, so ihr Geburtsname, rebellierte schon früh: gegen ihre Eltern – einen kriegsversehrten britischen Kolonialoffizier, der als Bankmanager in Teheran arbeitete, und eine ehemalige Krankenschwester. Geboren wurde sie am 22. Oktober 1919 in Kermanschah im heutigen Iran. Nach einem kurzen Aufenthalt in England zog die Familie nach Südrhodesien, dem heutigen Simbabwe.

Mit 14 Jahren schmiss das Mädchen die Schule. Sie las sich lieber durch europäische und amerikanische Literatur, verdiente Geld als Kindermädchen, Telefonistin und Schreibkraft. Ihre erste Ehe mit einem Kolonialoffizier scheiterte, die beiden Kinder blieben bei ihrem Mann. Den Namen ihres zweiten Mannes, des deutschen Emigranten Gottfried Lessing, behielt sie nach der Scheidung. "Ehen haben nicht zwangsläufig etwas mit Liebe zu tun, oder?", stellte sie später lakonisch fest.

Mit zwei Roman-Manuskripten und ihrem kleinen Sohn Peter ging die damals 30-jährige Lessing 1949 nach London. Ihr Erstling The Grass is Singing (Afrikanische Tragödie) war in Großbritannien recht erfolgreich; Lessing konnte vom Schreiben leben. In ihren frühen Werken befasste sie sich mit dem Rassismus im kolonialen Afrika, Gewalt, Krieg und Herrschaftsverhältnissen.

Manifest des Feminismus

Literaturwissenschaftler ordneten Lessing den Postkolonialisten zu. Doch in Kategorien fühlte sich die Schriftstellerin nie wohl. Dass sie den Nobelpreis erst relativ spät bekam, erklärte sie sich so: "Es liegt wahrscheinlich daran, dass ich auf so viele verschiedene Weisen geschrieben habe, ohne zu denken, dass ich vielleicht kein Recht dazu hätte."

Ihr wohl wichtigstes Werk, The Golden Notebook (Das Goldene Notizbuch) von 1962, wurde nach 1968 zum Manifest des Feminismus – eine Lesart, die Lessing nicht beabsichtigt hatte: "Ich wollte keinen feministischen Essay, sondern über das Leben von Frauen schreiben",  erklärte sie 1971 im Vorwort einer Neuauflage.

Lessings Gesellschaftsanalyse war stets geknüpft an psychologische Beobachtung. Ihre Heldinnen sind Frauen aus Fleisch und Blut, sie beschreibt die Qualität weiblicher Orgasmen und den Geruch der Menstruation.