Dieses Jahr sollte alles anders werden. Dieses Jahr, so muss es in den Köpfen der Lektoren gerattert haben, wird es keine Häme geben, keine Beschwerden, dass junge Autoren etwa nur gleichförmigen Narzissmus produzierten. Dieses Jahr wird der Open Mike politisch relevant oder gesellschaftlich relevant oder am besten gleich beides. 

Schon in den Eingangsreden wurden große Geschütze aufgefahren: Thomas Wohlfahrt (Literaturwerkstatt Berlin) und Franziska Giffey (Kultur- und Bildungsstadträtin von Berlin-Neukölln) wiesen im urig-kitschigen Heimathafen euphorisch darauf hin, dass der diesjährige Open Mike am "deutschesten aller Tage" starte. Nach Pogromnacht und Mauerfall, so klang es, würde der zweitägige Vorlesewettbewerb fraglos in die Geschichtsbücher eingehen.

Zum 21. Mal fand der Open Mike statt. Bewerben durfte sich jeder, der nicht älter als 35 Jahre ist und noch keine Buchveröffentlichung vorzuweisen hat. Aus knapp 700 Einsendungen wählten sechs Lektoren großer und kleiner Verlage 20 Texte aus, die mehrheitlich mit Schlagwörtern der Kategorie "potenziell relevant" gespickt waren: Sei es, dass der Theaterpädagogikstudent Helge Halling im grauen Rundhalspullunder in den Saal hinein deklamierte, was sein angetrunkener Protagonist Tristan über die Welt denkt (kalt, Narben, St. Martin, Bullenschweine) oder die Journalistin Verena Fiebiger in ihre Gedichte "Nazis, Nazis, Nazis" einflocht.

Bloß keine Handlung!

Endgültig zur Farce geriet das herbei zitierte Elend in den Texten von Christian Preußer –  postpubertäre Jungs stochern sich im Urlaub gegenseitig in den Unterhosen herum – und Stefan Hornbach: In Violently happy erstellt ein Hipster mit Krebs während der Chemotherapie eine Playlist mit dem Titel summer of love and poison und tanzt im Anschluss energetisch um fünf Uhr früh durch den Regen. Karl Wolfgang Flender porträtiert in Greenwash inc. einen Werber im Dienste eines Genmais-Riesen. Ein oberflächlicher, an Christian Kracht angelehnter Text ohne Nuancen zwischen Gut und Böse mit einem Protagonisten, der nichts über sich weiß – abgesehen vielleicht davon, dass er blonde Häschen und cremefarbene Ledersitzbänke mag.

Wer sich beim diesjährigen Open Mike an Rollenprosa versuchte, scheint zwei Ziele verfolgt zu haben: sich in möglichst farb- und willenlose Charaktere einzufühlen und auf erzählerische Elemente weitgehend zu verzichten. Die meisten Texte strotzen nur vor minutiösen Beschreibungen kleiner Gesten und metaphorischer Aufladung von Gegenständen. Mal schaut man jemandem beim Tapezieren zu, mal nachdenklich in den Kühlschrank. Schläfrig vorgetragene Beziehungstexte, in denen junge Protagonisten durch Studentenstädte oder am Strand entlang stolpern und irgendwie desillusioniert sind. 

Was der Literaturbetrieb für Realität hält

Das große Gähnen im Publikum ließ nicht lang auf sich warten; Köpfe sanken nach unten oder auf die Schultern des Nachbarn. Nur wenige Autoren schafften es, den Zuhörern Reaktionen abzutrotzen. Der 34-jährige Jonathan Rose präsentierte die überzeugendste Rollenprosa des Wettbewerbs: Mann ist ein leichtfüßiger Text über Transsexualität. Am meisten gekichert wurde beim Vortrag des 31-jährigen Wirtschaftswissenschaftlers Dmitrij Gawrisch. Schaukelstuhl ganse en bräune ist eine brillante Sprachreflexion, die auch auf der großen Bühne, dem Ingeborg-Bachmann-Preis, hätte bestehen können. Gawrisch thematisiert augenzwinkernd Sprachbarrieren, seziert Wörter bis ins kleinste Detail und leistet sich dabei keinen einzigen schiefen Vergleich – im Gegensatz zu leider fast allen anderen Autoren in diesem Jahr.

Verdientermaßen erhielt Gawrisch einen der zwei Preise für Prosa; das Preisgeld von 7.500 Euro wurde diesmal gleichmäßig auf alle drei Preisträger verteilt. Der zweite Prosapreis ging an den 33-jährigen ehemaligen Schlosser Jens Eisel. Von allem geballten Elend in den diesjährigen Texten schien die Jury das Unglück in Eisels Glück für am authentischsten zu halten. Der Juror Ulrich Peltzer betonte: "Wir glauben, dass die Lebenserfahrung dieses Autoren ihn befähigt, Problem und Realitäten ohne Sentimentalität und aufgesetztes Mitleid in eine Narration zu übersetzen, die in klassischer Manier welthaltig ist." Eisels Text, der die Themenkomplexe Spielsucht und Arbeitslosigkeit durchexerziert, ohne wirklich in die Tiefe zu gehen, bildet offenbar eine Welt ab, die im Literaturbetrieb begeistert als Realität aufgenommen wird.