Von der Berufsmemoire zur Literatur, Paul Hille hat den Schritt gewagt. Der Maler, Tätowierer und gelernte Zirkusclown sowie – dies wohl vor allem – Sektionsassistent feierte letztes Jahr einen kleinen Überraschungserfolg mit seinen authentischen Geschichten aus der Pathologie: An Herzversagen stirbt man nicht.

Authentizität ist das Schlagwort, das auf den 1964 im Brandenburgischen geborenen Berliner zutrifft. Er zählt zu diesen heutigen Selbstverwirklichern und Lebensgefühl-Ausdrucksexperten, die sich in Berlin austoben. Individuelle Befindlichkeit gehört da für jeden sichtbar in die Haut geritzt. Körpertuning ist Pflicht, Haargel ständiger Begleiter. Das Cover zeigt denn auch den nass frisierten, oberkörperfreien und tätowierten Autor in Liegestützposition. Ein Kämpferherz eben.

Es ist vor allem auch eine gewisse erzählerische Naivität, die für den Autor einnimmt: Um das Autopsie-Thema herum hat er in Die letzte Autopsie. Eine Liebe unter dem Seziermesser ein Liebes- und Selbstfindungsdrama inszeniert, das durch seine unkonventionelle Darbietungsform nie langweilig wird. Eines Tages landet eine besondere Frauenleiche auf dem Edelstahlstisch des Pathologen. Ihre Ankunft ist für den daueraufgepeitschten Ich-Erzähler Anlass zur Erforschung seiner jüngsten Vergangenheit. Kein unbeschwerter Alltag offenbart sich da, sondern schwer bewältigtes Leben.

Leichtes Unbehagen

Kaum ist er noch in der Lage, seine übliche Tätigkeit zu beginnen. Als er die Arbeit dann endlich aufnimmt, geht er gewissenhafter und künstlerischer zu Werke denn je. Wie der Autor diese Sektion beschreibt, das darf man straflos unter Literaturverdacht stellen. Die Gleichzeitigkeit von nüchterner Sektionstätigkeit, penibel durchgeführt, auf dass die Todesursache ermittelt werden kann, und poetischer Zärtlichkeit, mit der das Sektionsgewerbe beschrieben wird, hätte Gottfried Benn wohl kaum besser hinkriegen können.

Leichtes Unbehagen jedenfalls beschleicht den Leser beim Lesen solcher Zeilen: "Ich schneide, bis ich den Unterkieferknochen spüre und sehe. Am Ende ist die Sicht frei auf einen Teil der Nacken- und der Halsmuskulatur. Der Mensch verändert sich gerade erlebbar, ist noch schöne Frau und wird fraktale Anatomie. Es entsteht die Metamorphose vom Menschen meiner Sehnsüchte zum zu untersuchenden Objekt. Der Mensch als duale Vision, als das, was er ist und was er auch ist."

Während der Leser noch rätselt, weswegen diese Autopsie wie "die letzte" durchgeführt wird, erzählt das Buch nach und nach die Vorgeschichte: Eine komplizierte, überwiegend per Email und Telefon geführte Liebesgeschichte eröffnet sich da. Dass das weibliche Objekt der Begierde bereits vergeben ist und diesen Status auch beibehalten will, lässt die männliche Projektionsmaschine nur noch hochtouriger laufen. Eine krank machende Liebe, die sich Nähe ersehnt und aus der Ferne schwelgt, zerrüttet den Helden immer mehr. Das ist überwiegend anrührend, manchmal kitschig und bisweilen unglaubwürdig erzählt.

Vielleicht ist das aber die eigentliche Leistung des Romans, dass man als Leser den Figuren zurufen möchte, sie mögen sich doch endlich finden und füreinander da sein, wie sich das für Liebende gehört. Stattdessen ist alles irgendwie neurotisch angekränkelt, höchst bedeutsam aufgeladen und muss erlitten und psychiatrisch behandelt werden. Derart aufgekratzt denn auch die Sprache, Metaphern des Schreckens (Genitiv-Metaphern) inklusive: "Entgegen den Hochgefühlen des schwer Verliebten blieb ich mit bleiernen Schuhsohlen auf dem wackligen Boden der Bangnis. Der Glückliche und der Zweifelnde spielten Mau-Mau auf dem Spielbrett meiner Nerven."

Die letzte Autopsie ist ein krudes Stück Literatur, das eine Romanze im Leichenschauhaus spielen lässt und in einem nekrophilen Happening gipfelt, sprachlich zwischen aufregend und abtörnend pendelnd, dafür von blutiger, grell ausgeleuchteter Ehrlichkeit. Hier erhebt das, was man eine ehrliche (tätowierte) Haut nennt, ihre literarische Stimme. Nichts, was man in Klagenfurt vortragen würde. Aber das interessiert zum Glück ja eh keinen mehr.