Rosa Liksom liebt es bunt. Das sieht man allein an ihrer Kleidung, die sie an diesem tristen Helsinkier Novembersonntag trägt. Mit dem Kleid hätte sie in den Sixties auf jeder Party eine gute Figur gemacht, in so vielen Farben schillert es, wie auch ihre Strumpfhose; selbst ihre hochhackigen Schnürschuhe sind noch in zwei schön von einander abgesetzten Brauntönen gehalten. Liksoms Arbeitsplatz liegt im vierten Stock eines alten, zu einem Künstlerhaus umgebauten Kabelspeichers nicht weit von Helsinkis Zentrum, und oben angekommen gleicht Liksom sich komplett der Einrichtung ihres vollgestellten Ateliers an. Sie sammelt Spielzeug, russisches Spielzeug. Angeblich besitzt sie davon eine der größten Sammlungen der Welt, "alles Handarbeit", wie sie sagt. Sie brauche es für ihre Installationen, aber auch zur Inspiration für ihre Bilder, primär sei sie ja Malerin.

Was Rosa Liksom aber auch ist: Schriftstellerin. Zuletzt erschien von ihr, auch in einer deutschen Übersetzung, der Roman Abteil Nr. 6. Dieser erzählt die Geschichte einer sich anbahnenden Freundschaft zwischen einer jungen Frau und einem ehemaligen Knastbruder, beides Russen, die mit der transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Wladiwostok reisen. Angesprochen auf ihr Faible für Russland erzählt die 55 Jahre alte Künstlerin, dass sie in den frühen achtziger Jahren in Moskau studiert habe, Philosophie und Wirtschaftswissenschaften.

Geboren wurde Liksom in Ylitornio, einer kleinen Gemeinde in Lappland an der Grenze zu Schweden, und es dauert nicht lange, bis sie auf ein beherrschendes Thema der zeitgenössischen finnischen Literatur zu sprechen kommt: die deutsche Okkupation Lapplands im Zweiten Weltkrieg sowie der zerstörerische Rückzug der Deutschen, nachdem Finnland mit Russland ein Friedensabkommen geschlossen und sich darin zum Kampf gegen Deutschland verpflichtet hatte. "Ich habe so viele Geschichten von meinen Eltern und meinen Verwandten gehört, doch in Finnland haben wir gerade erst begonnen, darüber zu schreiben. Da sind so viele Dinge passiert."

Auch Liksom plant einen Roman über diese Zeit; außerdem habe sie sich darüber schon in Kurzgeschichten ausgelassen: "Diese Kriegszeit steckt in mir drin, sie ist immer ein kleiner Teil meiner Arbeit gewesen. Mein Vater, seine Brüder, die Brüder meiner Mutter, sie alle waren an der Front, zunächst mit den Deutschen gegen die Russen, später gegen die Deutschen. Ich bin mit den Geschichten über all das aufgewachsen und täglich konfrontiert worden." 

Hebamme mit magischen Kräften

Um zu erklären, wie viel Stoff in diesem Kriegsthema steckt, erzählt sie, dass beispielsweise in Rovaniemi, der größten Stadt Lapplands mit damals gerade einmal 5.000 Einwohnern, 20.000 deutsche Soldaten stationiert gewesen seien: "In einer Stadt, in der während des Krieges fast nur Frauen lebten. Die finnischen Männer waren alle an der Front und Sie können sich vorstellen, was da passiert ist!"

Deutsche Soldaten, finnische Frauen, die Kinder, die aus diesen Verbindungen hervorgingen, überhaupt der Lapplandkrieg: Gleich vier Romane sind in Finnland 2011 und 2012 darüber herausgekommen, geschrieben von Katja Kettu, Puala Havaste, Antti Tuuri und Heidi Köngäs. Zumindest Katja Kettus Roman wird nächstes Jahr auf Deutsch erscheinen, zum Gastlandauftritt Finnlands auf der Frankfurter Buchmesse, unter dem Titel Die Hebamme. Er handelt von der ungewöhnlichen, erotisch enorm aufgeladenen Liebesgeschichte zwischen einem in Lappland stationierten SS-Soldaten, der beim Massaker im ukrainischen Babyn Jar beteiligt war und als Täter nachhaltig traumatisiert wurde, und einer finnischen Hebamme, der magische Kräfte zugeschrieben werden.

Katja Kettu spricht bei einer Begegnung im Restaurant von Helsinkis Hauptbahnhof davon, dass es viele Jahre ein Tabu gewesen sei, über solche Beziehungen zu sprechen, geschweige darüber zu schreiben. In ihrer Kindheit – Kettu wurde 1978 in Rovaniemi geboren – hätte es Andeutungen gegeben, Flüstereien, nicht mehr. Die Korrespondenz ihrer Großmutter brachte sie auf die Idee ihres Romans und lieferte ihr das Vorbild für dessen weibliche Hauptfigur: "Meine Großmutter war so positiv, trotz des Krieges, sie schrieb so leidenschaftlich über all das. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, sich dieses Themas anzunehmen, weil die Zeitzeugen aussterben."