Kyla ist 16 und hat nichts zu verbergen. Alle Lehrer, Eltern und drei Psychologen führen Buch, ob sie brav lächelt, lernt, sich anpasst und gehorcht. Bei Zorn oder Unzufriedenheit schlägt ein Rekorder am Handgelenk Alarm, und ehe sie rebellieren oder der Staatsmacht schaden könnte, läge sie im Koma. Kyla hat nichts zu verbergen, weil der Staat sie völlig kennt. Angeblich war sie früher Terroristin. Doch alle Erinnerungen sind gelöscht. Ihr bleibt ein Folter-Chip im Kopf und eine letzte Chance: Wenn sie ihren neuen Eltern, Nachbarn, Erziehern nicht sympathisch werden kann, warten Internierungslager oder Tod.

Im Jahr fünf nach Die Tribute von Panem, im Jahr 17 seit Harry Potter und Buffy beherrscht ein zorniger Hybrid den US-Jugendbuchmarkt: Politische Dystopien über Mädchen ohne Freiheit, Schüler ohne Handlungsräume. Junge, fast immer weiße Frauen, vom Staat ins Abseits gedrängt, systematisch ausgebeutet, bevormundet und missbraucht.


Gelöscht ist Teri Terrys erster Kyla-Roman, das Sequel heißt Zersplittert. Schon wieder eine Trilogie. Schon wieder 400-Seiten-Bücher im Jahrestakt, von einer patenten, etwas hemdsärmeligen Autorin, die sich ein flottes, windschiefes Ende fürs Abendland ausmalt, alle Politik auf Augenhöhe einer Zehntklässlerin schraubt, 1.200 zunehmend unlogische Seiten füllt und in der Danksagung betont, wie sehr sie Katzen liebt. So boomt das Genre: Endzeit ohne Ende, in Rekordzeit auf dem Markt. Flüssig und schnell gelesen.

In Pretties von Scott Westerfield spendiert der Staat jedem Teenager eine perfekte Schönheits-OP und eine schlimme Gehirnwäsche. In Delirium (Lauren Oliver) erklärt der Staat Verliebtheit zur gefährlichen Seuche, bis nackte Vernunft alles regiert. In Alex Londons Proxy mieten reiche Kinder arme Stellvertreter, die an ihrer statt für jedes Verbrechen büßen. Glaskuppeln. Supercomputer. Kastensysteme: Prämissen wie aus 45 Jahre alten Star-Trek-Episoden, oft leider nicht halb so schlimm, absurd und kompliziert wie die reale Austeritätspolitik, alltägliche Globalisierungsschäden.

Mehr als die ramschigen Buchcover

Erstmal also Die Auswahl lesen oder Die Bestimmung? Gebannt, Vollendet oder Verloren? Wo war der Unterschied? Überall lehnen dürre Models auf dem Schutzumschlag, im dünnen Photoshop-Desaster-Glitzerkleid, mit doofem Ich-wünschte-ich-wäre-in-Twilight-Gesichtsausdruck: "So lange mich krass unfaire Hegemonien beherrschen, darf ich nicht knutschen."

Der erste Panem-Roman war brillant. Fast alle Heldinnen des Genres sind kompetenter, als die ramschigen Buchcover es vermuten ließen. Oft wird ein wenig länger geknutscht, geschminkt, geschneidert als nötig – und bei gut 200 Bestsellern seit 2008 bleibt vieles Schnellschuss, Massenware. Doch insgesamt stellen Dutzende dieser Jugend-Romane große, kluge Fragen souverän genug, dass eine noch 2005 gefeierte erwachsene Dystopie wie Alles, was wir geben mussten heute nach Kindergarten klingt.

Wo sonst fiebert eine Mainstream-Leserschaft mit jungen Frauen, die 1.000 Seiten lang gegen Spielräume und Rollen stolpern, die ihre Gesellschaft ihnen bietet? Welches Genre spielt die Alltagsfolgen von Überwachung oder globalen Ungerechtigkeiten durch? Nichts gegen Internat- und Klosterschul-Novellen von Nobelpreisträgern – doch wer erzählt, wie trüb, klamm, schlimm 16-Jahre-alt-Sein heute sein kann?

Selten hatten Schüler weniger Spielraum, um selbstwirksam zu handeln. Nie legten Lehrer, Eltern, Psychologen so schroff fest, wie nicht-konforme Kinder Aufstiegschancen verlieren. Buchtitel wie Selection – Die Elite oder Die Verratenen treffen einen Nerv, weil ihre Heldinnen verraten, selektiert, fremdbestimmt werden. Sie haben nichts zu melden. Ihre Eigenheiten werden belächelt, gefürchtet oder gehasst. Nur in Band 3 von Trilogien dürfen 16-Jährige manchmal Pläne umsetzen, Regierungen überwerfen oder Diktatoren töten.