In Hitlers Privatwohnung

Eine Wiederentdeckung: Lee Miller. Ihre Karriere begann die Amerikanerin als Model bei der Vogue. Dann ging sie nach Europa, lernte bei Man Ray Fotografie und eröffnete ihr eigenes Studio. 1944/45 begleitete sie die amerikanischen Truppen für die Vogue – als einzige KriegsberichterstatterIN. Entstanden sind einige bemerkenswerte Zeugnisse aus den beiden letzten Kriegsjahren: Die 37-Jährige, begabt mit einem außerordentlichen Gespür für Szenen, besuchte die Lazarette hinter der Front, traf Picasso und die Literatur-Ikone Colette im befreiten Paris, war bei der Einnahme der Festung von Saint-Malo dabei. Sie betrat als eine der ersten Hitlers Privatwohnung in München und besuchte das Lager in Buchenwald. In der Edition Tiamat sind Millers Reportagen nun  zum ersten Mal vollständig auf Deutsch erschienen. Sie werden von Fotografien und Briefen Millers an die Redaktion der Vogue begleitet, die den Reportagen eine weitere Dimension verleihen. (Insa Wilke)

Lee Miller: Krieg. Mit denn Alliierten in Europa 1944-1945. Reportagen und Fotos. Übersetzt von Andreas Hahn und Norbert Hofmann. Edition Tiamat, Berlin 2013, 271 Seiten, 24 Euro.

Was bleibt?

Ein schmales Debüt, das es in sich hat: Ein Mann, der soeben von seinem Arzt die Diagnose gestellt bekommen hat, dass er den nächsten Frühling nicht erleben wird. Wie ein Geist bewegt er sich durch sein Zuhause, ein Anatomiemuseum, das längst schon keine Besucher mehr hat. Er denkt sich hinein in die Exponate, er denkt sich hinein in eine Beziehung zu seiner Nachbarin, und währenddessen arbeitet er kontinuierlich an der Musealisierung seiner selbst. Saskia Hennig von Lange stellt auf engem Raum und auf unaufdringliche Weise die ganz großen Fragen: Was bleibt von uns, wenn wir gehen müssen? Welche Spuren unseres Handelns haben eine Bedeutung für die Nachwelt? Und wie kommen die Töne in unseren Kopf? Ein dichtes, wunderbares Buch. (Christoph Schröder)

Saskia Hennig von Lange: Alles, was draußen ist. Verlag Jung und Jung, Salzburg und Wien, 116 Seiten; 16,90 Euro.

Dokumente eines Aufbruchs

Rom, Träumezeichne ein Epochenbild, heißt es in der Vorbemerkung zu Maike Albaths neuem Buch. Ein wagemutiger Anspruch, den Albath mit Verve einlöst. Der Kritikerin und Italienkennerin gelingt es in ihrer mit Fakten reich gespickten Kulturgeschichte Roms der fünfziger und sechziger Jahre, die Aufbruchstimmung einer jungen Autoren- und Filmergeneration lebendig werden zu lassen. Mit Albaths Buch durch die Via Veneto auf den Spuren Federico Fellinis zu flanieren oder auf der Piazza del Popolo mit Alberto Moravia einen Cafè zu trinken, ist ein geistreiches Vergnügen. Moravia, mürrisch dreinblickend und mit gefalteten Händen auf einem Gartenstuhl sitzend, begegnen wir auch in einem prächtigen Bildband: Mit Fotos die Welt erobernversammelt Aufnahmen von Inge Schönthal aus eben jenen fünfziger und sechziger Jahren. Niemand kennt die Fotografin allerdings heute noch unter diesem Namen. 1960 ging sie nach Mailand und wurde die Frau des Verlegers Gianciacomo Feltrinelli, dessen Verlag sie nach seinem Tod 1972 alleine weiterführte. Inge Feltrinellis Porträts von Hemingway, Picasso oder Greta Garbo sind ebenfalls Dokumente eines Aufbruchs – der gelungene Versuch einer jungen, aus Essen stammenden Frau, die Welt mit einem eigenen, kecken Blick zu erobern. (Ulrich Rüdenauer)

Maike Albath: Rom, Träume. Moravia, Pasolini, Gadda und die Zeit der Dolce Vita. Berenberg Verlag. Berlin 2013. 303 Seiten. 25 Euro. Inge Feltrinelli: Mit Fotos die Welt erobern. Steidl Verlag. Göttingen 2013. 279 Seiten. 38 Euro.

Soviel Einsicht, soviel Vernunft

Was für ein Buch, dieses Sterbe- und Sich- Verabschiede-Journal. Wie einzig in seiner Stille, wie betörend in seiner übermenschlichen Wärme und Disziplin. Man mag nicht glauben, wie aufrecht und tapfer es dieser Autor bis zuletzt vermochte, am Krückstock seiner Worte gegen das eigene Verlöschen anzuschreiben. In Wolfgang Herrndorfs Arbeit und Struktur sehen wir einem Menschen bei seinem Todeskampf zu, tun es im Spiegel seiner  Sätze und Bilder, und es verschlägt uns die Sprache über so viel Einsicht und Vernunft. Nein, man kann nicht genug bekommen von diesen Notaten, diesen kleinen großen Einsichten, die uns schmunzeln und schluchzen lassen! Ein Buch, bei dem man ganz klein und sprachlos wird aus Achtung und Respekt gegenüber seinem Verfasser. (Peter Henning)

Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur. Rowohlt Berlin, 2013. 448 S., 19, 95 Euro.

Der Viertel wird zum Dschungel

Instruktiver als jeder Reiseführer und schöner als ein Städteroman. Soeben neu aufgelegt: Georges Perecs Träume von Räumen ist radikale Literatur, die die Räume unseres Alltags inventarisiert. "Leben heisst, von einem Raum zum anderen gehen und dabei so weit wie möglich zu versuchen, sich nicht zu stossen", schreibt Perec, der doch die Konfrontation mit dem Raum sucht. Und so schreitet der große Experimentator der französischen Nachkriegsliteratur voran und sendet uns Skizzen und Essays aus einem unbekannten Universum voller Räume, dessen Bewohner wir Alltagsblinde sind. "Sich dazu zwingen, oberflächlicher zu sehen", lautet die unverschämt komplizierte Regel. Mit Georges Perec kann das eigene Viertel zum Dschungel werden. (Philipp Goll)

Georges Perec: Träume von Räumen. Aus dem Französischen von Eugen Helmlé, diaphanes Verlag, Zürich 2013, 12,95 Euro.

Ich mag Sommerregen

Eine Bilanz von 14.370 Tagen auf 111 Seiten. Autoportrait heißt die nachgelassene Selbstbestandsaufnahme des verstorbenen französischen Künstlers Édouard Levé. Das vorliegende Büchlein ist kein Tagebuch, keine Biografie, keine Liste, sondern ein Introspektionskatalog. Hier stehen Banales, Notwendiges, Munteres und Apodiktisches nebeneinander. "Ich hätte gern keine Fingernägel (...) An kostenlosen Buffets stopfe ich mich voll bis zum Erbrechen. Ich mag Sommerregen. (...) Ich käme nie auf die Idee zu steppen. Ich würde dasselbe Leben gerne ein zweites Mal leben, aber nicht ein drittes." Vor fünf Jahren nahm er sich sein eines Leben. Und in diesem Buch tritt er uns noch einmal entgegen als historisch-kritische Ausgabe seiner selbst. Berührend, lustig, gescheit und auch tieftraurig. (David Hugendick)

Édouard Levé: Autoportrait. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Matthes & Seitz, Berlin 2013, 111 Seiten, 17,90 Euro.

Aus einem untergegangenen Land

Der 14-jährige Ich-Erzähler Jens verbringt seine Sommerferien im sächsischen Ferienlager Schneckenmühle, er tanzt zum ersten Mal mit einem Mädchen und mit ihm tanzen auch die politischen Verhältnisse in der DDR. Eine Suche nach der verlorenen Zeit. Entsprechend wird der Roman nicht von einem straffen Plot vorangetrieben, sondern von seinem  komischen Assoziationsreichtum, seiner Beobachtungsgenauigkeit und einer flexiblen Kunstsprache, die den Bewusstseinsstand eines Adoleszenten mit all seiner emotionalen und intellektuellen Unerfahrenheit abbildet. Ein bisschen was von der schönen Melancholie dieser Coming-of-age-Geschichte fällt auch auf das untergegangene Land, das man sich trotzdem nicht zurückwünschen muss. (Frank Schäfer)

Jochen Schmidt: Schneckenmühle. C.H.Beck, München 2013. 220 Seiten, 17,95 Euro. 

Es ist nämlich Winter

In Roman Ehrlichs Debütroman hört der Winter einfach nicht mehr auf. Immerhin gibt es weder Familienstreit noch kann der Weihnachtsbraten zu schwer im Magen liegen: Die Eltern des Protagonisten sind spurlos verschwunden, das Haus seiner Kindheit wird von Richard bewohnt, einem fremden und wortkargen Jungen. Der Protagonist verabschiedet sich von seiner Kindheit und schlüpft in die Rolle eines Vaters; Kochen liegt ihm nicht sonderlich, das Erzählen von Geschichten dafür umso mehr. Das kalte Jahr ist die beeindruckende Dokumentation einer Suche nach Heimat unter widrigen Umständen. (Dana Buchzik)

Roman Ehrlich: Das kalte Jahr. Dumont Verlag 2013, 248 Seiten, 19,99 Euro.