Wenige Ideen sind in den letzten Jahrzehnten so auf den Hund gekommen wie die Idee der Gleichheit. Man kann geradezu von einer Egalophobie sprechen, die den Humus abgibt für all das ins Kraut schießende zeitgenössische Spitzen-, Exklusivitäts-, Excellence- und Leadership-Gefasel. Selbst dort, wo man sich noch auf die Gleichheit beruft, klingt es hohl und leer. Das ist der Ausgangspunkt von Pierre Rosanvallons epochalem Werk Die Gesellschaft der Gleichen.

Für Rosanvallon, der als Zeithistoriker am legendären Collège de France lehrt, charakterisiert es die Gegenwart, dass noch nie so viel über Ungleichheit, über das wachsende Einkommensgefälle und die Vermögenskonzentrationen geredet wurde wie jetzt, gleichzeitig aber noch nie so wenig getan wurde, um sie zu verringern. "Alles wissen und alles sagen, ohne dass sich das Geringste verändert", das sei die Formel heutiger Zeitgenossenschaft.

Wie treffend diese Formel ist, tritt mittlerweile noch deutlicher zutage als im Jahr 2010, also zur Zeit der französischen Veröffentlichung von Rosanvallons Buch. Da konnte man beispielsweise als Antwort auf die Immobilien-und Schuldenkrise hoffen, dass es der Politik gelänge, dem tollwütigen globalen Finanzkapitalismus einen Maulkorb zu verpassen. War dieser Wunsch nicht geradezu ein globaler zivilgesellschaftlicher Konsens? Und was ist daraus geworden? Nichts.

Rosanvallon glaubt, dass die politische Apathie, in der wir uns befinden (wer noch andere Beispiele braucht, mag ruhig an die Große Koalition denken oder das große Verschlafen einer solidarischen Europapolitik), seinen Grund und Ursprung in der Krise der Gleichheit hat. Er glaubt, dass diese Krise der Gleichheit verantwortlich ist für den Niedergang der Linken, die zwar weiterhin an Wahlen teilnehmen würde, aber keine mehr gewinnen könne, jedenfalls nicht aus eigener Kraft, weil sie selbst keine verändernde Kraft mehr sei, "die die Welt erklärt und in Bewegung setzt". Weil die Gleichheit kein Wert von universeller Bedeutung mehr sei, das ist Rosanvallons Pointe, verfalle das politische Leben der Verlockung von partikularer Identität und Homogenität, münde in "Trennungs-, Abgrenzungs- und Ghettoisierungsmechanismen" und bringe damit "die Grundlagen des Gemeinwesens selbst ins Wanken".

Eine herausfordernde Lektüre

Wer dieser Analyse zustimmen kann, wird sofort die immense, fast schon vermessene Bedeutung von Rosavallons Vorhaben begreifen: Er will den Gleichheitsgedanken neu begründen. Er will das Fundament legen, auf dem es uns gelingen kann, eine Welt, die aus den Fugen ist, wieder zurechtzurücken. Rosanvallon packt diese Aufgabe in seinem Buch gleichzeitig als Historiker, Soziologe und Philosoph an, und das macht Die Gesellschaft der Gleichen zu einer ebenso narrativ dramatischen, wie sachlich fundierten und intellektuell herausfordernden Lektüre.

Der erste Teil des Buches ist ganz dem Historischen gewidmet. Wir dürften, warnt uns Rosanvallon, die jetzige Krise der Gleichheit nicht allein mit den aktuellen Stichworten "Neoliberalismus" und "globalisierter Finanzökonomie" erklären, weil eine viel längere Geschichte dahinter steht. Kurz gefasst geht Rosanvallons Gedanke so: Eine erste Durchsetzung des Gleichheitsgedankens brachte die Französische und Amerikanische Revolution. Diese Errungenschaften waren allerdings noch an die Welt der Handwerker, Bauern und Kleinmanufakturen gebunden und gerieten mit der zunehmenden Entwicklung des industriellen Kapitalismus ab den 1830er Jahren in die Krise. Diese erste Krise der Gleichheit, die von einem global sich ausweitenden Kapitalismus vorangetrieben wurde, ist gekennzeichnet durch die Entstehung von Nationalismus, Protektionismus und Fremdenhass. Auf diese Pathologien der Gleichheit reagierten die Sozialdemokraten und Linksrepublikaner im ausgehenden 19. Jahrhundert mit einer auf Umverteilung basierenden Vorstellung sozialer Gerechtigkeit.

Gegenwärtig stecken wir in der zweiten großen Krise der Gleichheit. Fremdenhass, Nationalismus, Abschottung als Antwort einer fortschreitenden Globalisierung: All das haben wir auch heute wieder. Nun aber, so Rosanvallon, und damit leitet er auf den soziologisch- und philosophischen Teil des Buches über, könnten wir nicht mehr auf die alte Idee der Umverteilung der Sozialdemokraten zurückgreifen. Im Gegenteil: Teil der Krise ist, dass auch diese alte Idee und mit ihr eine ganze Epoche der Umverteilung an ihre Ende gelangt.