Eva Menasse ist nicht glücklich mit der heutigen Presse. Der Guardian schrieb, eine "Gruppe deutscher Schriftsteller" habe den Aufruf der Autoren gegen globale Überwachung gestartet. Dabei ist schon die Runde der Initiatoren international besetzt, sagt die gebürtige Österreicherin, hier im Berliner Tagungszentrum der Bundespressekonferenz: Janne Teller lebt in Dänemark, Priya Basil in Großbritannien, Isabel Fargo in den USA, Josef Haslinger und Ilija Trojanow in Wien. Doch die in Berlin wohnende Menasse kann sich entspannen: Weltweit haben mittlerweile Zehntausende den Aufruf der sieben Schriftsteller unterzeichnet, mit dem die Gruppe um Juli Zeh – die lebt in Brandenburg – und Menasse gegen die Kommunikationsüberwachung protestiert.

Jede Revolution braucht Protagonisten: Den friedlichen Protest, der die Mauer fallen ließ, lösten Umweltschützer und Künstler aus, den politischen Widerstand in der Ukraine führt der Boxer Vitali Klitschko. Den schwierigen Kampf gegen Überwachung treiben jetzt Schriftsteller voran.  

Begonnen hat ihn Juli Zeh. Vor wenigen Monaten stand sie mit Gleichgesinnten vor dem Kanzleramt in Berlin und hoffte auf ein Gespräch mit Angela Merkel. Vergeblich. Bis heute schweige die Kanzlerin, sagt Zeh. "Da war nur Beton." Sie beklagt, dass Merkel in großer Abhängigkeit von politischen Stimmungen und Umfragen agiere. Zeh erinnert an die Energiewende, die Merkel erst nach dem Atomunfall von Japan einleitete und hofft: "Wenn es uns gelingt, ein digitales Fukushima zu erzeugen, dann wird Merkel unsere erste Datenschützerin."

Doch das zu schaffen, ist harte Arbeit: Viele Internetnutzer resignieren angesichts der Allmacht von Geheimdiensten und Konzernen, auch im Wahlkampfsommer 2013 spielte das Thema kaum eine Rolle. Viele Menschen wähnen sich unbeobachtet und kommunizieren nach der Devise: Ich lasse mir ja nichts zuschulden kommen.  

Anweisung zum Handeln

Falsch, sagt Janne Teller. Es sei ein Fehler, zu sagen: Ich habe doch nichts zu verbergen. Ilija Trojanow sagt, viele Menschen gingen heute von einem veralteten Bild der Repression aus: "Es klopft am Morgen jemand mit Handschellen an der Tür." Es gebe aber eine viel subtilere Form der Repression, sagt Trojanow und meint die gigantischen Datensammlungen von NSA und dem britischen Spionagedienst GCHQ, die sich jederzeit nach verschiedensten Kriterien filtern lassen. Priya Basil spricht vom "digitalen Pitbull" NSA.

Menschen werden durch solche Datenspeicher kontrollierbar, fürchten die Autoren und wollen das nicht hinnehmen. Einen Tag nach einem ähnlichen Aufruf mehrerer Internetkonzerne verlangen sie in dem Aufruf Writers Against Mass Surveillance, Jedermann müsse mitentscheiden dürfen, "in welchem Ausmaß seine persönlichen Daten gesammelt, gespeichert und verarbeitet werden und von wem". Das sollten alle "Staaten und Konzerne" respektieren, schreiben sie auf Change.org, wo Überwachungsgegner digital unterschreiben können. Die UN sollten die "zentrale Bedeutung der Bürgerrechte im digitalen Zeitalter" anerkennen und eine Konvention verabschieden. Denn Bürger- und Freiheitsrechte müssten unter den sich verändernden Bedingungen im 21. Jahrhundert "neu gedacht werden", sagt Juli Zeh.

Inmitten des Aufrufs findet sich die Anweisung zum Handeln: Sie fordern alle Bürger auf, "diese Rechte zu verteidigen". Schon "560 intellektuelle Schwergewichte" seien dem gefolgt, sagt Zeh – darunter Günter Grass, Elfriede Jelinek, Orhan Pamuk, Umberto Eco oder Henning Mankell – insgesamt fünf Literaturnobelpreisträger. Bis zum Dienstagnachmittag stiegt die Zahl aller Unterzeichner auf mehr als 20.000. Die schiere Masse soll die Verantwortlichen in den USA, Großbritannien und Europa zu Datenschutzreformen und Selbstbeschränkung zwingen, so das Ziel der Initiatoren.