In unserer modernen Welt sind die Liebe, die Wahrheit und die Kunst einem ständigen Fälschungsprozess unterworfen – diese These anschaulich zu machen war Ziel des gewaltigen Romans The Recognitions des Amerikaners William Gaddis. Das Buch erschien 1955 und erst 1998 auf Deutsch unter dem Titel Die Fälschung der Welt.

Man hätte es nicht für möglich gehalten, dass der nahezu theologische Gedanke von Gaddis auf eine derart simple Weise, wie wir sie derzeit erleben, bestätigt würde. Die Welt der Kunst jedenfalls scheint voller Fälschungen zu sein, und die Fälscher schämen sich nicht. Wer sich schämt, sind die meist unbekannten Besitzer von rund 200 gefälschten Gemälden, die Wolfgang Beltracchi fabriziert hat.

Er ist zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden, denn er hat Kunstsammler und Galeristen um Millionen betrogen. Das allein erklärt aber nicht die allgemeine Aufregung. Betrüger gibt es überall. Der Punkt scheint zu sein, dass sich Beltracchi an der Kunst vergangen hat, gerade so, als hätte er etwas Heiliges geschändet.

Hat er das? Es lohnt sich, Walter Benjamins Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit noch einmal zu lesen. Die 1936 veröffentlichte Abhandlung beschäftigt sich mit jenen damals noch neuen Möglichkeiten der Vervielfältigung, die uns längst selbstverständlich geworden sind.

Benjamins zentrales Argument lautet, die Reproduktion verletze den "empfindlichsten Kern" des Kunstwerks, "seine Echtheit". Echtheit bestehe im "Hier und Jetzt des Originals", "in seiner Einmaligkeit". Man sieht an solchen Begriffen, dass Benjamin in kunstreligiösen Zusammenhängen denkt. Das wird vollends deutlich, wenn er vom "Kultwert" des Kunstwerks spricht und seinen besonderen Charakter als "Aura" beschreibt.

Es scheint so zu sein, als wäre Benjamins Gedanke noch immer triftig. Wenn wir in Dresden Raffaels Madonna oder in Florenz Botticellis Frühling leibhaftig vor uns sehen, berührt uns das "Hier und Jetzt" des Originals. Ungeschützt stehen wir vor seiner Einmaligkeit, und würden wir erfahren, es handele sich um eine Fälschung, so wären wir empört.

Es kommt aber etwas hinzu, was all diese Überlegungen leider ins Schäbige zieht: der Kunstmarkt. Wo das Geld regiert, sind Betrüger nicht weit. In der bildenden Kunst geht es um viel Geld. Sie benötigt die Einmaligkeit – anders als etwa die Literatur, die von der Vervielfältigung lebt. Deshalb hat der Kunstfälscher keine wirkliche Parallele. Einen Beltracchi, der Schuberts Unvollendete oder Kafkas Schloss zu Ende schreiben wollte, gibt es nicht. Damit Geld zu verdienen, wäre zu kompliziert.

In dem Roman von Gaddis betrachtet sich der Kunstfälscher als wahren Künstler, der leider nicht so gut malen darf, wie er es könnte, weil sonst die Fälschung aufflöge. Genauso schätzt sich auch Beltracchi ein, wie man seinem eben erschienen Buch entnehmen kann. Zweifellos ist er talentiert, ähnlich wie Der talentierte Mr. Ripley von Patricia Highsmith. Im Folgeband betreibt er eine Kunstfälscherfirma.

Man sollte Autoren wie Gaddis und Highsmith gelegentlich beim Wort nehmen.