Wenn über Literatur geschrieben wird, liegen steile Thesen stets nahe. Wie wäre es damit: "Indem sich Literatur ihr Einwirken auf die Realität weder verbieten lässt noch freiwillig versagt, kann sie ihren Beitrag zur noch offenen Ausprägung einer freiheitlichen Zivilgesellschaft leisten. Und ist nicht das ihre eigentliche kulturelle Bedeutung, ihre Legitimation – die Intervention?" Die Passage steht auf den ersten Seiten von Enno Stahls Essay-Sammlung Diskurs-Pogo. Über Literatur und Gesellschaft. Und man kann sie getrost verwerfen.

Literatur, gleich die nächste große These, untergräbt Legitimation, oder anders gesagt, Literatur ist dadurch legitimiert, dass sie keine Legitimation braucht. Sie kann interventionistisch am ehrenwerten Aufbau einer Zivilgesellschaft mitwirken. Sie kann aber auch anders. Böse sein, zynisch, privatistisch, narzisstisch. Mit Sicherheit kann man wohl über die Literatur nur sagen, dass sie ein ziemlich unsicherer Kantonist ist.

Was soll man also mit dem Buch von Stahl machen, das von Anfang an augenscheinlich Unsinn verzapft? Sogleich durchlesen. Denn Stahl, ein ausgewiesener Kenner des literarischen Undergrounds, an dem er als Autor und Veranstalter mitgewirkt hat, weiß, was er tut: Er setzt sich bewusst eine tiefrot eingefärbte Brille made by Marx auf (Stahl spricht weniger salopp mit Foucault von "Wertungsdispositiven") und blickt damit über die heutige Literaturlandschaft, wie sie sich etwa seit den 1990er Jahren herausgebildet hat.

In den Autoren sieht Stahl dann durch diese Brille "Repräsentanten von Ware", die als Warenbesitzer "nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse" sind, wie es im Kapital heißt. Natürlich gibt diese Perspektive auf Literatur nicht das ganze Bild wieder, und einiges gerät arg verfälscht in den Blick. Aber ist das nicht unumgänglich, wenn man einen Blickwinkel wählt? Die Einsicht, die er erlaubt, wird mit Verblendung bezahlt.

Aus dem Schlamassel sozialer und kultureller Segmentierung rauskommen

Was Stahl jedenfalls in Diskurs-Pogo ziemlich gut analysiert, ist das Fehlen korrekter Beschreibungen der Arbeitswelt in der heutigen Belletristik. Meistens arbeiten die Helden der Romane gar nicht und leben trotzdem auf großem Fuß, wie Stahl anhand unzähliger Beispiele zeigt, von denen Christian Krachts Protagonist aus Faserland oder all die Gestalten aus Judith Hermanns Geschichten wohl die bekanntesten sind. Mit der gesellschaftlichen Realität einer voll entfesselten Arbeitsgesellschaft habe das wenig zu tun. Und vollends gar nicht begriffen würden die Verwerfungen, zu der die Umgestaltung der Arbeitswelt unter den Stichworten der Deregulierung und Globalisierung führten. Die deutsche Literatur, so sieht es Stahl, werde folglich als Sedativ nachgefragt, produziert und konsumiert: "als eine Möglichkeit, die Augen vor der bedrohlichen Wirklichkeit zu verschließen, vor den Rissen im gesellschaftlichen Gefüge".