Es gehört zum Schicksal der Literatur (wenn es DIE Literatur als solche überhaupt gibt, aber nehmen wir einmal an, es sei so), dass in regelmäßigen Abständen Forderungen an sie herangetragen werden, wie sie denn nun zu sein und wohin sie zu gehen habe. Die Literatur selbst erträgt das seit Jahrtausenden mit relativ großer Gelassenheit, und schaden können der Austausch von Stand- und Fluchtpunkten und die Positionierung der Akteure im Koordinatensystem des Ästhetischen ohnehin nicht. Nun hat sich Florian Kessler, Jahrgang 1981, in der ZEIT mit einem so durchtriebenen und komischen wie auch selbstironischen Text zu Wort gemeldet, der bislang schon zahlreiche Erwiderungen hervorgerufen hat. Kessler ist Absolvent des Studienganges Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim, eines Studienganges, in dem man offenbar sehr viel lernt über Selbstinszenierung und das gezielte Setzen von Pointen: Im vergangenen Jahr veröffentlichte Kessler sein Buch Mutbürger und sprang damit genau zum richtigen Zeitpunkt in den Debattenstrom um neues Engagement zwischen Stuttgarter Bäumen und Gorlebener Castorgegnern.

Dem Populisten auf den Leim gehen

Selbstironisch ist Kesslers Beitrag zur deutschen Gegenwartsliteratur darum, weil er den eigenen Werdegang als Professorensohn an der Hildesheimer Schreibschule (Nerd-Brille auf der Nase und die Zitate postmoderner Denker im Kopf) zum Bestandteil der Erzählung macht. Durchtrieben, ja geradezu perfide wird Kesslers Beitrag dadurch, dass er im Grunde genommen keine explizite These hat, sondern die Produktionsbedingungen von Literatur, so wie sie von Kessler wahrgenommen werden, schlicht und einfach beschreibt. Sogar die Frage, ob all das satirisch überhöht ist oder nicht, lässt der Text offen. Die deutsche Gegenwartsliteratur, so Kessler, werde dominiert von einem sich selbst reproduzierenden Großbürgertum, von Arztsöhnen und Direktorentöchtern. Die Erkenntnis, die daraus folgt, überlässt er – da ist er ganz Populist (man kann sich dann immer herausreden, das ja so nicht gesagt zu haben) – denjenigen, die ihm antworten oder gar zustimmen, und prompt folgen die Salven, denen Kesslers Text rhetorisch glänzend Munition geliefert hat: die Klagen über die Selbstbespiegelungs- und Innerlichkeitsprosa, in denen die deutsche Literatur gefangen sei, als hätte es sich nicht schon seit Langem mehr oder weniger ausgehandket und fertiggestrausst.

Man darf durchaus annehmen, dass dahinter eine ernste Absicht steckt: Es ist selbstverständlich immer legitim und auch sinnvoll, die Milieus, die sozialen Faktoren, die die Entstehung von Kunst beeinflussen, zu reflektieren. Aber dann sollte das auch zu etwas führen. Kessler macht es sich einfach. Zu konstatieren, dass die gefühlte Mehrheit der jungen deutschen Autorengeneration aus einem gesättigten Juste Milieu bürgerlichen Wohlstandes entstammt, ist in etwa so bemerkenswert wie die Feststellung, der Himmel sei blau oder die Sonne heiß. Aber gehen wir Kessler doch einmal auf den Leim und formulieren das aus, was er nicht schreibt, aber insinuiert: Satte deutsche Bürgerkinder produzieren satte deutsche Bürgerliteratur, bestätigen sich selbst und ihr Dasein, gehen also nicht mehr dorthin, wo es wehtut, wie Werner Lorant sagen würde.