Um zu beweisen, dass das ein historischer Kurzschluss ist, könnte man wahllos einige revolutionäre Schriftsteller ins Feld führen: den Juristensohn Goethe, den Arztsohn Büchner, den Direktorensohn Brecht, den Chemikersohn Jünger, den Aufsichtsratsvorsitzendensohn Kracht. Ganz davon abgesehen und in die Gegenwart hineingefragt: Was wäre die Alternative? Oder: Gibt es sie nicht vielleicht bereits? Hat Kessler in seiner Zuspitzung übersehen oder nicht sehen wollen, dass spätestens seit dem Beginn der Nullerjahre eine Form von Schreibweisen und sich darin abbildenden Erfahrungswirklichkeiten existiert, die, ganz zeitgemäß ohne Schweiß und Tränen, aber nicht mit weniger Dringlichkeit, genau das einlösen, was Kessler nicht fordert, aber wohl erhofft? Eine Form der Literatur, die sich hineinschreibt und -denkt in die selbstausbeuterischen Wohlfühlarbeitswelten der Agenturen; Romane, die die Selbstentwertung und Selbstausbeutung, das Fallen der Schranken zwischen dem, was privat und dem, was Arbeit ist, minutiös und ästhetisch vielfältig protokollieren und beschreiben? Bücher, die also sehr wohl etwas erzählen über prekäre Verhältnisse, ökonomische Ausweglosigkeiten, soziale Ausgrenzungen. Wer den Bitterfelder Weg erwartet, ist möglicherweise nicht empfänglich für die weit verzweigten Pfade der modernen Arbeitswelten und deren Beschreibungsmöglichkeiten. Die Zuweisung einer Unterlassungsschuld an eine vermeintlich homogene Gruppe – auch wenn man ihr eingestandenermaßen selbst angehört – ist ein Sehnsuchtsreflex nach einer guten alten Zeit, die es so nie gab.

Die größte Kleingartenkolonie Niedersachens

Kesslers Behauptung, wenn es derzeit einmal zu Texten von gesellschaftlicher Dringlichkeit komme, so bedeute das "alles Mögliche, bloß keine Repolitisierung der deutschsprachigen Literatur. Themen und Meinungen sind jederzeit austauschbar, gespielt wird mit ihnen bloß Distinktionsbingo", ist nicht mehr und nicht weniger als das: eine Behauptung, die von ihm durch nichts bewiesen, in den vergangenen Jahren aber in der Praxis gleich mehrfach widerlegt wurde – von Kathrin Röggla und Rainer Merkel, von Ernst-Wilhelm Händler, Rainald Goetz und in letzter Zeit äußerst brillant von Thomas von Steinaecker oder Philipp Schönthaler. Kesslers Begriff von der sich breitmachenden "Speck Lit" als Pendant zur anspruchslosen "Chick Lit" klingt gut; alles, was er schreibt, klingt gut und schmissig. So etwas lernt man im Studiengang Kulturjournalismus. Einsichtig ist es dennoch nicht.

Noch einmal DIE Literatur, die es ja als solche nicht gibt: Sie hat kein Problem, nicht im deutschsprachigen Raum, nicht heute. Das war vor zwanzig Jahren möglicherweise noch anders. Was Kessler an- und umtreibt, ist kein Literaturproblem. Es ist vielleicht noch nicht einmal ein Schreibschulenproblem. Es ist ein Hildesheimproblem. Aber auch das sollte man nicht geringschätzen. Immerhin hat Hildesheim die größte Kleingartenkolonie Niedersachsens.