Eigentlich dachten wir ja, wir hätten es hinter uns gebracht: Diese biografisch grundierten Geschichten aus Deutsch-Deutschland; die Generationenromane, die zurückreichen bis ins Dritte Reich; die von der Enkelgeneration aufgedeckten und aufgeschriebenen Geheimnisse, die in den vergangenen Jahren geradezu inflationär fiktional enthüllt wurden.   

Der Deutsche Buchpreis ist nicht unschuldig an dieser Entwicklung: Arno Geiger, Julia Franck, Uwe Tellkamp und Eugen Ruge – sie alle fügen sich, wenn auch in höchst unterschiedlicher Form und Qualität, in ein bestimmtes Schema literarischer Vergangenheitsdarstellung. Doch spätestens mit der Vergabe des Preises an Ursula Krechels Roman Landgericht schien ein Wendepunkt erreicht zu sein: Wenn Literatur komplett hinter das gute Meinen einer Autorin zurücktritt und die Sprache vom Staub der Aktenordner der Recherchearbeitet zugeschüttet ist, könnte man ja auch einmal auf den Gedanken kommen, dass Literatur auch noch etwas anderes kann als zwanghaft zurückzublicken.

Der Lektor eines namhaften deutschsprachigen Verlages wurde vor nicht allzu langer Zeit mit dem Satz zitiert, er könne keine Manuskripte mehr ertragen, in denen auf Dachböden oder in Kellern irgendwelche Koffer mit Dokumenten aus vergangener Zeit aufgefunden würden. Ein Blick in die Frühjahrsprogramme der deutschen Verlage legt den Verdacht nahe, dass der Mann sich mit seiner Meinung nicht durchgesetzt hat: "Geschichte geht durch diese deutsche Familie, die eigentlich eine halbe ist: Großmutter, Vater, Sohn. Krieg und Vertreibung haben sie zersplittert."  

Unter 500 Seiten? Keine Chance

So steht es im Klappentext von Gunnar Cynybulks Debütroman Das halbe Haus, ein "grandioser Familienroman, der drei Generationen und die wechselvollen Kapitel deutscher Geschichte umspannt", wie der DuMont Verlag verspricht. Dem steht die Deutsche Verlagsanstalt in nichts nach: "Ein pulsierendes Zeitporträt über drei Generationen", so heißt es dort über Norbert Leitholds neuen Roman Herrliche Zeiten, der "von Opportunisten und Opfern, von Moral und Gefallsucht" erzähle und davon, "wie Liebe und Hass von Generation zu Generation weitergetragen werden." Versteht sich, dass beide es nicht unter 500 Seiten machen.

In Per Leos Debütroman Flut und Boden (Klett-Cotta) "stürzt sich der angehende Historiker Per in die Erforschung der Vergangenheit seines Großvaters Friedrich" und gewinnt "ein tatsächliches Bild vom Glanz und Niedergang seiner Familie. In dem ihm immer fremd gebliebenen Nazi-Opa entdeckt er einen rebellischen jungen Mann, der uns viel näher ist, als uns lieb sein kann." Angelika Klüssendorf wiederum schreibt mit April (Kiepenheuer & Witsch) ihren hoch gelobten Roman Das Mädchen über das Aufwachsen in der DDR der siebziger Jahre fort, während Uwe Kolbe in seinem lange erwarteten Roman Die Lüge eine Vater-Sohn- und Verratsgeschichte in Zeiten der Diktatur erzählt.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Jeder dieser Romane für sich kann gut, sehr gut, wunderbar, erhellend und grandios sein. Jeder hat auch mit Sicherheit seine Berechtigung. Die Literaturkritik hat es in solchen Fällen natürlich leicht: Sie sagt nur, was sie nicht will und wie es nicht geht, nicht aber, wie man es besser machen könnte. Das muss sie auch nicht. Sie ist destruktiv und subjektiv. Und sicher kann jeder Leser mündig entscheiden, was er lesen will und was nicht. Gibt ja auch genug Bücher, rund 90.000 Neuerscheinungen pro Jahr. Für jeden was dabei. Und trotzdem: Wenn Kulturkritik eine Aufgabe hat, dann doch zumindest die, in der Unübersichtlichkeit des Marktes Tendenzen zu erkennen und herauszuarbeiten.

Klar, es gibt Verwerflicheres, als sich schreibend und denkend mit der Geschichte des eigenen Landes auseinanderzusetzen. Man denke nur an die auch in diesem Bücherfrühjahr nach wie vor allzu präsenten Epigonen des Ficki-Ficki-Booms in der Tradition von Charlotte Roche und Fifty Shades of Grey. Haben wir keine anderen Probleme? Und kann nicht mal jemand ein Fenster aufmachen, damit man sich nicht allzu routiniert und gemütlich einrichtet in den kollektiven historischen Abgründen?

Oder anders gefragt: Was erwarten wir von Literatur? Was soll sie? Aufarbeiten, anklagen, plädieren, therapieren? Oder soll sie etwas aus und über uns erzählen, was wir selbst vielleicht noch nicht wussten, jedenfalls noch nicht so? Soll sie etwas in Sprache fassen, was als individueller oder gesellschaftlicher Zustand präsent, in Schwingungen spürbar, aber noch nicht formuliert ist? Ein Bewusstsein, eine Angst, eine Bedrängung. Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur ist in einer sehr guten Phase. Auf Anhieb würde einem mindestens ein Dutzend ausgezeichneter Autoren einfallen. Dürfte man an sie eine Bitte formulieren, würde sie lauten: Überrascht uns. Womit? Das ist Eure Sache.