Zu ausgestellt der pralle Ideensack, zu ausgewalzt die Fantastik und der Aberwitz – hierzulande fiel das Echo auf den 2011 erschienenen ersten Roman der allseits hochgelobten Karen Russell eher verhalten aus. In ihrem neuen Erzählungsband hat die 1981 Geborene jetzt die Bandbreite ihrer Themen erweitert und auch bisher unbekannte Töne hinzugefügt. Herausgekommen ist ein Buch voller Überraschungen, unterschiedlichster Figuren und Begebenheiten, die unwahrscheinlich und zugleich ganz realitätsgesättigt sind.

Zwei der Erzählungen aus Vampire im Zitronenhain kreisen um orientierungslose, pubertierende Jugendliche – schon in ihrem Debüt ein zentrales Thema von Russell. Der Gestus aber ist nun von vornherein ernster, und das Aberwitzige ist weniger komisch, als unheimlich grundiert.

So etwa in der Erzählung um Nal. Unglücklich verliebt in die Freundin seines älteren Bruders, das mögliche Studium perdu, weil die Mutter ihren Job in der Seniorenresidenz verloren hat, die ironischerweise "Paradies" heißt: Ein fehlender Fensterstopper, von den Lokalmedien aufgeputscht zum Sicherheitsrisiko im Heim, wird der Mutter zur Last gelegt. Einsamkeiten, Unsicherheiten und erwachende Sexualität – das sind vertraute Sujets, wenn es um das Erwachsenwerden geht. Das Besondere aber ist, wie Russell diese Sujets mit dem Unfassbaren und Fantastischen mischt. 

Wenn ein Fensterstopper über das eigene Leben entscheidet

In einem Baum entdeckt Nal ein Loch, in dem Möwen eigentümliches Diebesgut horten: Dinge, die sie aus der Menschenwelt entwendet haben. Merkwürdigerweise findet sich hier auch Nals Ticket für einen Schulausflug, das seine Mutter eigentlich nicht hatte bezahlen können. Er nimmt es, fährt mit auf den Ausflug und kommt endlich seiner Flamme Vanessa näher. Immer wieder zieht es ihn in der Folge zu diesem seltsamen Nest. Der Verlust der Dinge, so scheint ihm, beeinflusst den Verlauf der Biografien ihrer Besitzer. Und wirklich: plötzlich findet er in dem Nest auch einen kleinen blinkenden Gegenstand – den verlorenen Fensterstopper.

Karen Russell löst die Rätsel, die sie in ihren Erzählungen entspinnt, nicht auf. Der Fund des Stoppers hat auch nicht den Schwung einer Pointe oder eines Finales. Als Leser kann man sich gemeinsam mit Nal seine eigenen Gedanken darüber machen, was das Leben bestimmt, warum es wie verläuft und welchen Einfluss wir darauf haben. Russell gelingt es, bei dieser wie auch bei den anderen Erzählungen, dass man sich als Leser auf ihre Welt in all ihrer Merkwürdigkeit einlässt, sie als gegeben hinnimmt und vor allem: dass man vollends in sie abtaucht.