Der Schriftsteller Henning Mankell ist an Krebs erkrankt und hat die Leserschaft auf seiner Homepage davon unterrichtet. Zu Beginn des Jahres, so schreibt er, sei er wegen eines Bandscheibenvorfalls nach Stockholm gefahren. "Als ich zurück nach Göteborg fuhr, war es eine ernste Krebsdiagnose. Ich hatte einen Tumor im Nacken und außerdem einen Tumor in der linken Lunge."

Mankell hat beschlossen, den Kampf gegen den Krebs aufzunehmen und darüber zu berichten: "Ich will genau so schreiben, wie es ist." Die FAZ hat den ersten Beitrag abgedruckt. Sie weist darauf hin, dass die Veröffentlichung des eigenen Sterbens nicht mehr ungewöhnlich ist. Christoph Schlingensief schrieb über seinen Krebs, Wolfgang Herrndorf über seinen Hirntumor.

Es gibt viele andere Beispiele. Wir leben im Zeitalter der Bekenntnisse. Bücher über den eigenen seelischen Zusammenbruch, über die Altersdemenz des Großvaters oder über das Dahinsterben der Mutter erfreuen sich großer Beliebtheit. Man sieht in solchen Zeugnissen einen Beweis von Mut.   

Das verstehe ich nicht. Etwas zu tun, was inzwischen ganze Regale füllt, erfordert keinen Mut. Mutig wäre es, diskret zu sein. Ich sehe in dem Bekenntnisdrang einen Beweis dafür, dass die einst selbstverständliche Grenze zwischen Intimität und Öffentlichkeit nicht mehr existiert.

In der alten bürgerlichen Gesellschaft galt das ungeschriebene Gesetz, Nachbarn oder gar Fremde mit der eigenen Befindlichkeit zu verschonen. Dagegen verstößt Christian Buddenbrook (in Thomas Manns Roman), der die Tischgesellschaft gerne mit seinen gesundheitlichen Beschwerden belästigt.

Sein Bruder Thomas sagt über ihn: "Ihm fehlt etwas, was man das Gleichgewicht, das persönliche Gleichgewicht nennen kann. Einerseits ist er nicht imstande, taktlosen Naivitäten anderer Leute gegenüber die Fassung zu bewahren. Er ist dem nicht gewachsen, er versteht nicht, es zu vertuschen, er verliert ganz und gar die Contenance. Aber andererseits kann er auch in der Weise die Contenance verlieren, dass er selbst in das unangenehmste Ausplaudern gerät und sein Intimstes nach außen kehrt."

Dieses Ausplaudern, das die Medien befördern und von dem sie zehren, wird damit begründet, dass anderen Leidtragenden bedeutet werden soll, sie seien nicht allein. Mankell sagt: "Letztlich geht es ja um Schmerzen und Leiden, die viele Menschen empfinden."

Mir scheint, die meisten Menschen wissen, dass sie sterben müssen. Auch ich weiß es und fürchte mich vor Leid und Schmerz. Doch das Leid und den Schmerz anderer ausgebreitet zu finden, erscheint mir als eine besonders aufdringliche Form des Narzissmus. Ich habe schon manches Sterben von Freunden und Verwandten erlebt, ich brauche solche Berichte nicht. Wer überhaupt braucht sie?

Man sollte, wenn man es kann, Krankheit und Tod gedanklich durchdringen, wie es die seinerzeit an Krebs erkrankte Susan Sontag in ihrem Essay Krankheit als Metapher getan hat. Man sollte, wenn man es kann, den großen Todesromanen der Literaturgeschichte einen neuen hinzufügen. Oder lieber schweigen.