Der deutsche Philosoph Martin Heidegger © AFP/Getty Images

Seit Wochen tobt eine Debatte um Martin Heidegger und dessen antisemitische Haltungen. Demnächst werden erstmals seine legendären Schwarzen Hefte veröffentlicht – Notizhefte, in denen der vielleicht bedeutendste Philosoph des 20. Jahrhunderts 40 Jahre lang seine Gedanken festgehalten hat. Kürzlich hat Peter Trawny, Herausgeber der Schwarzen Hefte, in der ZEIT erklärt, dass Heidegger darin einen "seinsgeschichtlichen Antisemitimus" entfalte.

Von den insgesamt 33 Schwarzen Heften wurde bislang eines vermisst, ausgerechnet das aus den Jahren 1945/46. Die ZEIT hat den Besitzer dieses Heftes aufgesucht: In der kommenden Ausgabe geben wir einen ersten Einblick in das Heft und erzählen ausführlich dessen abenteuerliche Geschichte. Dazu drucken wir erstmals eine Notiz von Martin Heidegger aus diesem Heft: seine Reaktion auf den Entzug der Lehrerlaubnis durch die Freiburger Universität im Januar 1946 wegen seines nationalsozialistischen Engagements 1933/34. Hier beklagt er den "Geschmack" des Verfahrens gegen ihn.

Das Heft gehört dem 72-jährigen Literaturwissenschaftler Silvio Vietta. Wir haben ihn in Heidelberg besucht, und er hat uns erzählt, wie das Heft zu ihm kam. Seine Eltern waren in den fünfziger Jahren mit dem Ehepaar Heidegger befreundet; sein Vater Egon Vietta war als Publizist ein wichtiger Fürsprecher des Philosophen. Mit seiner Mutter Dory begann Martin Heidegger eine Affäre, die die Ehe der Viettas zerstörte. Von Heidegger bekam Dory dieses Schwarze Heft von 1945/46 geschenkt. Später ist es in die Hände ihres Sohnes gefallen.

Im Interview erklärt Silvio Vietta, dass es in diesem Heft "keinen einzigen Satz gegen Juden, kein einziges antisemitisches Wort" gibt. Dafür gibt es markante Passagen über die Universität: Heidegger denkt über seinen einstigen "tiefen Irrtum" nach, die Universität "vom anfänglichen Denken des Griechentums her" zu reformieren. Damit distanziert er sich von seiner Haltung 1933/34. Aber auch in diesem Heft wird deutlich, dass 1945 für den Philosophen kein tiefer Einschnitt war: das "mathemathisch-technische Denken" der Neuzeit habe Europa in einen Zustand "innerer und äußerer Verwüstung" geführt. Der Nationalsozialismus war für Heidegger nur eine Variante, die das Verhängnis der Moderne produzierte. "Wir dürfen nicht vergessen: Heidegger war so ziemlich gegen alles, was die Moderne verkörperte: gegen die Herrschaft der Rationalität, die totalitäre Technik, die er das 'Gestell' nennt, Amerikanismus, Bolschewismus, Liberalismus – und dann unter vielen anderem auch gegen das 'rechnende Denken' der Juden", sagt Vietta. Demnächst verhandelt er mit dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach, wo der Heidegger-Nachlass liegt, damit es der Forschung und wissenschaftlichen Edition rasch zugänglich wird.

Den vollständigen Artikel, den Text von Martin Heidegger und das Interview mit Silvio Vietta lesen Sie ab Mittwochabend in der ZEIT-App für iPad, iPhone und Android-Tablet, sowie im PDF der ZEIT und in der gedruckten Ausgabe.