Eines Morgens kurz nach halb elf klopft es an der Tür. Lili linst durchs Guckloch. Fima. Der Musiker mit dem auffälligen Adamsapfel. Der Mann, den sie seit sechs Jahren nur noch in ihren Träumen gesehen hat. Lili ist längst verheiratet, vergessen aber hat sie Fima nie. Und nun steht mit ihm eine Frage im Raum: Ist Lili bereit, ihr Leben in Israel aufzugeben, um mit ihm nach Amerika auszuwandern? 

Das unverhoffte Wiedersehen ist eine Schlüsselszene in Eshkol Nevos Roman Neuland. Denn viele Figuren müssen sich wie Lili entscheiden – zwischen Altvertrautem und dem Aufbruch ins Unbekannte. Doch auch der nicht eingeschlagene Weg prägt ihr weiteres Dasein. Bei Nevo zählt nicht nur, was ist, sondern auch, was sein könnte. Hinter dem gewählten scheint das geträumte Leben auf.

So ergeht es auch Lilis Enkelin. Inbar arbeitet als Produktionsassistentin beim Radio, sehnt sich aber nach einem Leben als Schriftstellerin. Auf einer Reise durch Südamerika trifft sie den Geschichtslehrer Dori, der seinen verschollenen Vater sucht. Die beiden verlieben sich – doch Dori hat Frau und Kind in Jerusalem. 

"Dieses verdammte Berlin"

 Eshkol Nevo, der Enkel des dritten israelischen Ministerpräsidenten Levi Eshkol, wurde 1971 in Jerusalem geboren. Der mehrfach preisgekrönte Autor hat Psychologie studiert und als Werbetexter gearbeitet. Heute schreibt er Bücher, die in Israel zu Bestsellern werden.

Nevos Literatur erlaubt es dem Leser, Israel mit unterschiedlichen Augen zu sehen – auch aus einer palästinensischen Perspektive. In seinem 2006 auf Deutsch erschienenen Roman Vier Häuser und eine Sehnsucht etwa erzählt er den Nahostkonflikt als Nachbarschaftsgeschichte. Ein Studentenpaar zieht in eine Wohnung bei Jerusalem, die auf den Fundamenten eines ehemals palästinensischen Hauses erbaut worden ist.

Mit Neuland verlässt Nevo nun den Schauplatz Israel. Über 600 Seiten lang schickt er seine Figuren um die Welt: Es geht unter anderem nach Buenos Aires, La Paz und Berlin. Dabei springt er nicht nur zwischen den Kontinenten, sondern auch zwischen den Jahrhunderten hin und her und verschränkt auf diese Weise die Geschichten verschiedener Generationen.

Lili ist Nevos stärkste Figur: voller Schmerz über ihre verlorene Familie, aber auch voller Schalk.Ihr Vater wurde in den Gaskammern ermordet, sie selbst flüchtete in letzter Minute aus Europa. Wir verfolgen ihre Reise auf einem Schiff nach Palästina, wir erhalten Einblicke in ihr Leben im Kibbuz. Als junge Frau trifft sie dort Gordonia, die nach "Pferdestall und Sperma" riecht und damit prahlt, "drei Orgasmen in wenigen Sekunden hintereinander" haben zu können.