© Verlag Antje Kunstmann

Wir leben in einer "Enron-Gesellschaft", die uns alle krank macht, befindet der belgische Psychoanalytiker Paul Verhaeghe. "Und dabei hatte alles so schön angefangen mit Freiheit und Autonomie für alle." In seinem neuen Buch – zu Deutsch leicht anklagend betitelt mit: Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft – will Verhaeghe erklären, warum es uns heute so schlecht geht wie noch nie. Depressionen und Angststörungen greifen um sich; bei gefühlt jedem zweiten Kind wird ADHS oder Autismus diagnostiziert. Und wer ist schuld? Natürlich der Neoliberalismus. Laut Verhaeghe unterhöhlt er nicht nur unsere Wirtschaft, sondern langsam aber sicher auch unsere Identität. Eine interessante These.

Verhaeghe verwendet dafür zunächst gut 100 Seiten, auf denen er sich umständlich von der Ethik der Antike durch die christliche Moral des Mittelalters bis hin zur Aufklärung vorarbeitet. Zur Unterfütterung der doch recht schmalen Kernaussage hätte eine knappe Zusammenfassung seines Verständnisses von Identität völlig ausgereicht: Der Mensch kennt, evolutionär bedingt, sowohl die Neigung zur Solidarität als auch die zum Egoismus. Welche Tendenzen überwiegen, wird von äußeren Einflüssen bestimmt, sprich dem "narrativen Ganzen" der jeweils dominanten Gesellschaftsform.

Aktuell heißt die "Große Erzählung", die seit 30 Jahren unser Denken kolonialisiert: Neoliberalismus. Das grundsätzlich positive Prinzip der Meritokratie – nach der im Idealfall jede Person in einer Gesellschaft die verdiente Position einnimmt und entsprechend entlohnt wird – hat sich zu einem knallharten Sozialdarwinismus gewandelt, in dem die messbare Produktivität zum zentralen, wenn nicht einzigen Kriterium des "idealen Menschen" geworden ist. 

Einwirkung auf die Psyche

Die Freiheit, sich selbst zu erschaffen, ist dem Zwang zur permanenten Selbstoptimierung gewichen; Konkurrenzdenken und Erfolgsdruck untergraben den – angeblich in unseren Genen verankerten – Gemeinschaftssinn. Ob wir es merken oder nicht, arbeiten, leben und denken wir nach dem "Enron-Prinzip", also einer Personalpolitik, "die dem Mitarbeiter mit der höchsten Produktivität sämtliche Boni zuspricht und den mit der niedrigsten feuert".

Dass dieser Zwang zum kontinuierlichen "self management" und "self assessment" alle Lebensbereiche durchdringt, ist kein grundlegend neuer Gedanke; postmoderne Philosophen wie Zygmunt Bauman oder Michel Foucault haben dieses Phänomen längst erkannt und beschrieben. Was Verhaeghes Buch leistet, ist eine präzise Analyse der Konsequenzen, die diese ideologische Vereinnahmung nicht nur auf das Arbeitsklima in Unternehmen, sondern auch auf unsere Psyche hat. Dazu zieht er Beispiele heran, mit denen er sich als klinischer Psychologe und Universitätsprofessor auskennt: Forschung und Gesundheitswesen.

Auch hier gelten heute Kriterien, die gerade in der Pflege oder bei geistigen Tätigkeiten absurd anmuten: "Messung und Messbarkeit bestimmen, was Qualität ist, und was nicht messbar ist, zählt nicht." Top-Down-Evaluierungen, ständige Mitarbeitergespräche und Audits schüren Misstrauen, laden ein zum Fälschen von Bilanzen und lassen die als "ineffizient" aussortierten Verlierer mit einem Gefühl von Hilfslosigkeit und Wut zurück. Nicht zu unterschätzen ist dabei, dass der Zwangscharakter dieser neoliberalen Ideologie aufgrund der uns vorgegaukelten individuellen Freiheit gar nicht erst sichtbar wird.