Dave Eggers ist stolzer Besitzer eines Piratenausstatters. Eggers, auch in Deutschland äußerst bekannter Autor sowie Herausgeber der Hipstermagazine McSweeney’s Quarterly Concern und The Believer, wollte 2002 eine jugendpädagogische Schreibschule an der Valencia Street in San Francisco eröffnen. Der Standort war aber nur für Ladengeschäfte freigegeben. Also musste ein Unsinnsladen her, der Piratenausstatter eben, die Schreibschule kam ins Hinterhaus.

Mittlerweile ist der Streich längst von den Nachbarn an Absurdität überboten. Die Straßen rundum sind von privaten Google-Bussen verstopft, die junge, schöne, meditativ lächelnde Menschen zu den Firmen-Campusgeländen im Silicon Valley bugsieren. Das Heer dieser jungen, gut bezahlten Dotcom-Erfolgsmenschen hat San Francisco und die Valencia Street in ein sinnfreies Luxusbiotop verwandelt. Neben Duftkerzen, die als Massageöle doubeln, und Chilimarmelade für 12 Dollar das Glas, sind Eggers Augenklappen dann eigentlich die bodenständigere Option.

The Circle ist Eggers' erster Roman über diese Veränderungen, über die Kultur des Silicon Valley und seine Macht. Auf den zweiten Blick ist er auch ein Roman über Hipster, aber keine wohlfeile Schelte, die alles, was Hornbrille trägt und Weezer gutfindet, in einen Topf wirft. Denn es geht um zwei Typen Hipster, die vom Piratenladen, und die vom Google-Bus davor. Aber Eggers' Roman hat eine Hipstern vollkommen fremde Attitüde: Er präsentiert eine Dystopie, eine zornbebende Satire, die genau weiß, was richtig und was falsch ist.

Der Roman erzählt die Geschichte des aufhaltsamen Aufstiegs der jungen Mae Holland. Diese heuert beim Gigantenunternehmen "The Circle" an, das irgendwann in der nahen Zukunft, Google, Apple und Facebook abgelöst und deren Dienste komplett zentralisiert hat. Wie das eindeutige Vorbild "Big Brother" aus Orwells 1984 hat auch The Circle drei Mottos: "Secrets are lies," "sharing is caring" und "privacy is theft." Mehr Transparenz ist immer gut, je mehr Leute zuschauen, ob am Tahrir-Platz oder bei KONY 2012, desto besser für die Welt.

Zu Beginn des Romans stellt The Circle das neueste Produkt vor: SeeChange, eine winzige Kamera, die überall hingesteckt oder versteckt werden kann, und deren Livebilder übers Internet zu sehen sind. Der User macht diese Bilder entweder nur für einen Kreis von "Freunden," oder für die ganze Web-Community zugänglich – der Leser entdeckt mit Schaudern, dass ihm zu dem Gerät gleich ein paar richtig praktische Anwendungen im eigenen Leben einfallen. Mae erklärt sich bereit "to go transparent", wie es im Neusprech dieses Romans heißt: Sie überträgt einfach ihr ganzes Leben, während der Rest der Welt Like klickt oder Kommentare abgibt.

Zwischen Vulkanbasis und Montessorischule

Bald lassen sich Politiker von ihrem Beispiel inspirieren und folgen ihr in die "Transparenz". Alles, was sie tun, sehen und sagen, wird von einer winzigen Kamera übertragen, und die Bürger können live ihre Meinung dazu abgeben. Geheimnisse, Skandale, Korruption gehören plötzlich der Vergangenheit an.

Mae erscheint zunächst wie ein Rotkäppchen, das, ohne die Gefahr zu bemerken, ins Dickicht dieses "Campus" spaziert, einer Mischung aus Blofeldscher Vulkanbasis und Montessorischule. Doch Mae erweist sich bald als willfährige Mitläuferin, vielleicht sogar Mittäterin. Denn sie hat schließlich die Intuition, dass Politikern bei allem zuzuschauen und dazu Kommentare abzugeben oder Meinungsumfragen auszufüllen, eigentlich bedeutet, dass die Privatwirtschaft Demokratie besser kann als die in Washington: "Keine Lobbyisten mehr, keine Sonntagsumfragen mehr, vielleicht nicht mal mehr ein Parlament."

Der Weg in die Korrumpierung darf nicht verraten werden – eine Schlüsselstelle aber wohl. Mae sieht sich während der Demonstration einer neuen App von der Netzöffentlichkeit bloßgestellt. Ihr Zorn gilt zunächst der Verletzung ihrer Privatsphäre, doch dann erkennt sie, dass sie in Wahrheit ganz anderes stört. Das Ich, das hier bloßgestellt wird, entspricht nicht genau genug dem Original. Jeder, der einmal gesehen hat, mit welchem Furor gerade junge Menschen ihr Privatleben in soziale Netzwerke zerren, ist diesem Zug begegnet: Wenn schon gläsern sein, dann zumindest unverfälscht dastehen.

Die Figuren des Romans sind Hipster, die mit Hingabe ihr eigenes Interessenprofil kuratieren, ob sie nun Kanu fahren oder aus Hirschgeweihen Kronleuchter basteln – und all das immerzu durchs Internet der geneigten Öffentlichkeit präsentieren. Anders als so häufig beim Hipster-Bashing, wirft Eggers den Figuren aber nicht vor, dass ihre Ironie ihnen echten Glauben unmöglich mache. Er wirft ihnen im Gegenteil vor, dass sich hinter ihrer ständigen Ironie oft der verzweifelte Wunsch versteckt, an etwas zu glauben – ein Wunsch, den die Technologiebranche geschickt auszunutzen weiß.