Da steht ein Mann um die 60 im Badezimmer und blickt in den Spiegel. Was er sieht, gefällt ihm ganz und gar nicht: "Klein war er schon immer. Doch inzwischen hatte er etwas Gnomenhaftes angenommen. Er war geschrumpft, eindeutig. Nur sein eh zu großer Kopf leider nicht! Die Hüften waren breiter geworden, sein Hinterteil noch flacher, seine rechte Schulter hing noch mehr. Alles hatte eine Tendenz nach unten bekommen: zum Grab hin." Ob Wilhelm, genannt Willi, Merkatz dort am Ende landen wird oder nicht, bleibt offen, zumindest in diesem Roman. Die Abwärtsbewegung allerdings ist hier in jeder Hinsicht Programm.

Willi Merkatz wird verlassen heißt Prückners Debütroman, und für den Schriftsteller Prückner gilt das Gleiche wie für den sinistren und auf ein wenig wunderliche, wenn nicht gar unheimliche Rollen festgelegten Schauspieler Prückner: Wenn er etwas macht, dann macht er es sehr gut.

Sympathisch kann man seine Hauptfigur wirklich nicht nennen: Willi Merkatz ist Arzt, in seiner Berliner Praxis am Schlesischen Tor behandelt er in erster Linie Drogenabhängige und versorgt sie mit Methadon. Vom Enthusiasmus für seinen Beruf ist kaum noch etwas zu spüren, wie auch? Seine Leidenschaft zielt auf andere Dinge – in erster Linie aber auf sich selbst.

Freiheit ist pure Einbildung

Der Roman setzt ein auf einem Krisengebiet der Liebe: Nach 39 Jahren Ehe trennt seine Frau Katarina sich von Willi. Genauer gesagt: Sie beantragt eine Auszeit. Da hat nicht mehr viel geholfen, kein Ayurveda- und Meditationsaufenthalt in Indien, keine Rückbesinnung auf alte Zeiten, die ohnehin nicht immer gut waren. Willi ist erschüttert, gekränkt, vor allem aber in seinem Stolz verletzt.

Es ist ziemlich großartig, wie Tilo Prückner seinen ganz auf den eigenen Körper fixierten Helden durch das Leben schlingern lässt, zumeist unterwegs im Auto, dem universellen Symbol der Freiheit, auch wenn die hier natürlich die pure Einbildung ist. Willi Merkatz ist ein Tropf, ein Mann mit fest eingefahrenen Denkstrukturen und machohaften Attitüden. Einer, der ganz wunderbar aufgeht im eigenen Leid, der sich darin suhlt und gleichzeitig dagegen rebelliert. Und wir als Leser kommen nicht umhin, mit Willi zu leiden, weil wir ganz und gar geeicht werden auf das Koordinatensystem, mit dem er die Welt betrachtet.