Der Autor Gideon Lewis-Kraus, Jahrgang 1980, lebt in Brooklyn. Zuletzt erschien sein Buch "Die irgendwie richtige Richtung" im Suhrkamp-Verlag © Rose Lichter-Marck/Suhrkamp Verlag

Von einem Freund ins Deutsche übersetzt zu werden, ist eine große Freude und ein großes Leid zugleich. Der Freund ist der Romanautor Thomas Pletzinger, gleichzeitig genresprengender Sportjournalist, und der Text mein Sachbuch Die irgendwie richtige Richtung. Mir sind bei der Arbeit zwei wichtige Dinge über den Zusammenhang von Freundschaft und Literaturübersetzung klar geworden. Erstens: Es ist praktisch unmöglich, gut übersetzt zu werden, wenn der Übersetzer kein Freund ist. 

Letzten Winter saßen Thomas und ich an seinem Wohnzimmertisch und sahen die erste Hälfte des Manuskripts durch, während uns seine kleine Tochter in ihrer Kinderküche einen imaginären Espresso nach dem anderen kochte. Schon nach dem dritten fühlte ich mich, als würde ich davonschweben, aber es schien mir trotzdem unhöflich, ein so mühevoll zubereitetes Getränk abzulehnen. Wir arbeiteten aufgekratzt bis spät in die Nacht, und Thomas erklärte mir, warum man den französischen Begriff "Demimonde Grandeur" am besten mit dem deutsch-italienischen "Halbwelt-Grandezza" übersetzt, und wahrscheinlich hatte ich mich dem Kern meines Textes noch nie so nah gefühlt, vielleicht war mir auch Thomas noch nie so nah gewesen wie in diesen Berliner Winternächten, wenn wir mit leeren Espressotassen auf einzelne Worte anstießen.

Die zweite Sache, die ich über Freundschaft und Übersetzung gelernt habe, ist die Tatsache, dass das Übersetztwerden eben diese Freundschaft komplett in Stücke hauen kann. Als ich wieder zurück in New York war, diskutierten Thomas und ich die verbliebenen Fragen meistens per Skype, und Thomas eröffnete jede unserer Unterhaltungen mit dem Satz "Ich hasse dich und ich hasse dein Buch".

Als Die irgendwie richtige Richtung dann erschien und Thomas und ich uns auf die Lesereise vorbereiteten, merkten wir schnell, dass wir seine hartnäckigen Animositäten mir und meinem Buch gegenüber am besten mit Witzen zerstreuen konnten. Wahrscheinlich fanden wir beide das amüsanter als unser Publikum. Auf der Bühne erklärte ich, dass ich aus meinem Buch lesen würde, einer Art ausschweifendem Reisebericht über Rastlosigkeit und Pilgerei, und danach würde Thomas aus unserem Buch lesen, einem deutschsprachigen Versuch, der mehr oder weniger dem Original ähneln würde.

Was sagt Google Maps?

Technisch war das zweite Buch wohl eine Übersetzung, aber weil ich jetzt in eine Sprache übersetzt worden bin, die ich verstehe, wird mir nicht nur die Unzulänglichkeit des Wortes selbst bewusst, sondern auch die des Konzepts, das sich dahinter verbirgt. Ich habe nämlich lange geglaubt, eine gute Übersetzung sei eine Frage von Treue und Inspiration. Jetzt allerdings wird mir klar, dass das, was wir Übersetzung nennen, die Entstehung eines völlig anderen Buches sein kann – eines Buches, das auf dem Originaltext beruht, mit den gleichen Figuren, Themen und Handlungen. Mitnichten ist es aber eine Kopie. Der Übersetzungsprozess bringt manchmal unerwartete Ergebnisse: Sebald ist im Englischen besser als im Deutschen, Bret Easton Ellis und Paul Auster sind im Deutschen und Französischen offensichtlich deutlich versierter als in meiner eigenen Sprache; und Nabokov wird immer wieder gerne mit der Äußerung zitiert, dass sowohl die englische als auch die russische Version von Lolita die authentischere und bessere sei.

Auf jeden Fall entwickelten Thomas und ich folgende Routine: Irgendwann gegen Ende unserer Lesungen murmelt Thomas irgendetwas von Fehlern, die er in meinem Buch gefunden habe. Ich sehe in fragend an. "Bei der Übersetzung meines eigenen Romans ins Englische hat mein extrem gewissenhafter Übersetzer Dutzende Fehler gefunden", sagt Thomas dann und deutet damit an, dass er bei meinem Buch ebenfalls dieses Vergnügen gehabt habe (ich glaube, dass er sich so an mir rächen will – denn vor vier, fünf Jahren hatte ich ihn mit eben jenem akribischen und fordernden Übersetzer bekannt gemacht, der Thomas über Nacht ständig lange Fragelisten in sein Postfach legte). Thomas’ Vergnügen war ein fehlendes Komma auf Seite 61, eine überflüssige Satzwiederholung auf Seite 72, hier und da ein paar Tempusfehler. Seine Lieblingsfehler waren allerdings diejenigen, die seine atemberaubenden Recherchemühen belohnten.

"Du erwähnst diese spanische Straße, an der der Jakobsweg entlangführt, N-128. Aber ich habe auf Google Maps nachgesehen, und es gibt gar keine N-128. Allerdings gibt es eine N-121. Ist es okay, wenn ich den Fehler für die deutsche Ausgabe korrigiere?" Warum sich Thomas die Mühe machte, solche Dinge nachzuprüfen, übersteigt zwar mein Fassungsvermögen, aber ich war dennoch froh, dass er es tat. Sollte es jemals eine zweite englische Auflage geben, werde ich seine Änderungen übernehmen – wenn auch nur des Witzes wegen. Manchmal allerdings fehlte mir die Geduld für seine andauernden und sorgfältigen Attacken auf meine Fakten. Im Kapitel über die 88 buddhistischen Tempel, die ich in Japan entlang pilgere, beschreibe ich die Architektur japanischer Wohnhäuser und die "hölzernen Zierkarpfen an den Traufen, die aussehen, als wären sie mitten im Sprung eingefroren."