Peter Handke war das Schwammerlgulasch zu Bernhards Tafelspitz, der Stalagmit zu Bernhards Stalaktit, der erztrübe Eigenbau-Heurige zu Bernhards Wachauer Smaragd. Wie der Pilznarr Handke heute gegen den "toten Giganten" (Elfriede Jelinek) abschneidet, erfahren Sie jetzt.

Wohnsituation

Bernhard:

"Wer so schrieb, konnte naturgemäß nicht irgendwie Wohnen", schrieb der Architectural Digest über Bernhards Vierkanthof, oberhalb des Traunsees inmitten von Apfel- und Birnenwiesen gelegen. Dessen Bauform habe Bernhards Wesen entsprochen: "Abweisend, ohne Schnörkel und immer allein stehend, ist der Vierkanthof ein Solitär, nicht für das Ensemble geschaffen."

Handke:

"Peter Handke hat ein neues Haus in Chaville gefunden", notierte der Verleger der beiden, Siegfried Unseld, nach seinem ersten Besuch dort verwundert: "Wir nehmen ein Taxi, fahren 40 Minuten endlos durch Vorstädte, Vororte, Vorweiler, Wüsteneien von Steinlandschaften. Handke erfüllte sich den Wunsch, unter Kleinbürgern zu leben."

Ach, Du liebe Zeit!

DieLieblingszeitung

Bernhard:

Der Zeitungsfetisch Bernhards war allumfassend, was möglicherweise auf seine Anfänge als Journalist zurückzuführen war. Er las alles, mit Leidenschaft zum Beispiel die Neue Zürcher und die Frankfurter Allgemeine, aber auch die österreichischen Zeitungen verschmähte er nicht, auch wenn er diesen oft bescheidene Qualität attestierte. "Auf diese Drecksblätter, die absolute Primitivität in diesen österreichischen Drecksblättern, kann ich nicht verzichten", heißt es etwa in Heldenplatz (siehe: Größter Skandal). Am liebsten aber – das ist jetzt reiner Zufall – hatte er die ZEIT, an die er Leserbriefe sogar mit "Du liebe Zeit" adressierte, um der gesamten Feuilletonredaktion dann ein "sogenanntes opulentes Frühstück" auf seine Kosten in Aussicht zu stellen.

Handke:

Peter Handke verachtet nahezu alle Zeitungen, vor allem die Frankfurter Allgemeine, die er gern als Frankfurter Beobachter tituliert: "An der Oberfläche hin und wieder von hellköpfiger, erfreulicher Vernunft, ist sie in ihrem Kern das Organ einer stockfinsteren Sekte, einer Sekte der Macht, und noch dazu einer deutschen. Die FAZ, so Handke, sei ein "Machtsektenorgan" – allerdings muss man bei diesem Bild an das Glied von L. Ron Hubbard denken. Der Spiegel und Le Monde sind für Handke gleich "kriegsverbrecherisch", El País, so schreibt er, mit schauderhaftem Pathos: "Es war einmal eine Zeitung." Weitgehend ausgenommen von Handkes Bannfluch scheint – das ist jetzt reiner Zufall – die ZEIT, möglicherweise, da es sie sogar am einzigen Kiosk in Handkes Dorf zu kaufen gibt.

Sechseinhalb Millionen Debile

Bernhard:

Eine ähnliche Meisterschaft wie im Schreiben erreichte Bernhard im Inszenieren von Skandalen, im Zuge derer, wenn sie gelungen waren, die österreichische Öffentlichkeit sich seinen Fiktionen anpasste. Mit dem Skandal um die Premiere seines letzten Theaterstücks Heldenplatz erreichte er darin einen wohl kaum noch zu überbietenden Höhepunkt: Kurt Waldheim, der braune Bundespräsident, nannte das Stück "eine grobe Beleidigung des österreichischen Volkes", Jörg Haider schrieb "Hinaus aus Wien mit dem Schuft", erboste Nazi-Bauern luden eine Fuhre Dung vor dem Burgtheater ab, während greise Wiener auf den Straßen mit Regenschirmen und Krücken auf Bernhard einprügelten. Die Österreicher seien "sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige, die ununterbrochen aus vollem Hals nach einem Regisseur schreien", schrieb Bernhard. Er hatte die Ehre.

Handke:

Als Handke beschloss, dass auch ihm eine Provokation guttun könnte, war gerade der Bosnienkrieg zu Ende gegangen. Die Zeitungen waren voll von Berichten über die Gräueltaten der bosnischen Serben, über den Genozid in Srebrenica und die Mord- und Verstümmelungslust der Wächter im Todeslager Omarska. Vor diesem Hintergrund veröffentlichte Handke seine Streitschrift Gerechtigkeit für Serbien, in der vom "mutmaßlichen Massaker" von Srebrenica die Rede war und von "Internierungslagern", deren Häftlinge, dem Hungertod nahe, für die Fotografen hinter dem Stacheldraht lediglich "posierten". Die unfreiwillige Komik, die Handkes Bekenntnis innewohnte, auch er, Handke, hätte als Serbe gegen die Kroaten gekämpft, konnte der wie erwünscht gewaltigen Welle der Empörung keinen Abbruch tun. Der bosnische Schriftsteller Dzevad Karahasan nannte Handkes Pamphlet "einen der schändlichsten Beiträge von ethischem Nihilismus in unserer Zeit".

Geheime Verehrerin

Geheime Verehrerinnen

Bernhard:

Romy Schneider sei wie besessen gewesen von Bernhard, sie habe für ihn ihr Leben ändern wollen, erinnerte sich Claus Peymann in einem Interview, aber Bernhard, "der blöde Hund", habe davon natürlich nichts wissen wollen. Der Nestbeschmutzer und die Sissi – möglicherweise war dieser Gedanke selbst Bernhard zu pervers.

Handke:

Trotz kleinen Wuchses und schmächtiger Physis wird Handke oft eine kernige Virilität attestiert, gegen die Sigrid Löffler seit jeher gänzlich machtlos ist. Jede noch so amoralische Entgleisung Handkes adelt die ehemalige Großkritikerin als Teil seiner "Arbeit an einer bewussten Blickänderung auf die Welt". Möglicherweise ist hier auch Solidarität unter Opfern Marcel Reich-Ranickis im Spiel, der Löffler im Literarischen Quartett einst mit der langen Oralsex-Sequenz aus Haruki Murakamis Gefährliche Geliebte traktierte und Handke mit einer Rezension so zusetzte, dass dieser sich abermals zu einer Entgleisung hinreißen ließ: In seiner Erzählung Die Lehre der Sainte-Victoire stellt Handke den Überlebenden des Warschauer Ghettos als "Hund" dar, "der in seiner von dem Getto vielleicht noch verstärkten Mordlust jedes Rassemerkmal verlor und nur noch im Volk der Henker das Prachtexemplar war".

Preise

Die Preise

Bernhard:

Nach Preisverleihungen – seine Devise hierzu lautete: "Nur an den Scheck denken!" – ging sich Bernhard meist direkt betrinken. Nach der Verleihung des Grillparzerpreises an ihn etwa, im Zuge derer die zuständige Ministerin "schnarchte, wenn auch sehr leise", um dann aufzuwachen und "mit unnachahmlicher Arroganz und Dummheit in der Stimme: Ja, wo ist denn der Dichterling?" zu fragen, eilte Bernhard in die Gösser Bierklinik, mit deren Namen alles gesagt ist. "Wenn ich den Nobelpreis bekomme", schwor Bernhard, "wird in der ersten Reihe der Ferdl sitzen." Der Ferdl war ein Saustallmaurer aus seiner oberösterreichischen Umgebung.

Handke:

Seit Mitte der neunziger Jahre werden Handke vor allem serbische Ehrungen zugesprochen, das Goldene Kreuz des Fürsten Lazar beispielsweise, der Verdienstorden der Republika Srpska, den ihm Radovan Karadžić persönlich zusteckte (siehe Saufbrüder), oder der Verdienstorden in Gold der Republik Serbien, den ihm der serbische Präsident Tomislav Nikolić anheftete, um sich für eine Wahlempfehlung zu revanchieren, die Handke in der serbischen Presse ausgesprochen hatte. Serbien sei gesegnet, proklamierte Nikolić, ein Ultranationalist und vormaliger Friedhofswärter, dass Handke diesen Orden der ewigen Freundschaft Serbiens annehme. Aber auch im angelsächsischen Raum schrammte Handke nur knapp an einer großen Auszeichnung vorbei, als ihn sein Kollege Salman Rushdie 1999 zum "Internationalen Vollidioten des Jahres" nominierte. In der Endrunde unterlag er jedoch knapp Charlton Heston.

Was bist Du für ein Wein, mein Herr Urin?

Saufbrüder

Bernhard:

Bernhards liebster Saufbruder war wohl sein Immobilienmakler, ein charmanter ehemaliger Ostfront-Panzerfahrer, den Bernhard in Ja in seinem "Leitzordnerzimmer" sitzend beschreibt, am frühen Nachmittag und daher "möglicherweise schon in betrunkenem Zustande". In ihren bevorzugten oberösterreichischen Wirtshäusern pflegten die beiden in Krüge mit "Schädelmost" hinabzublicken, dann "Sauflieder" zu singen und irgendwann später betrunken mit ihren Mercedessen auf ihre Höfe zurückzufahren. "Vom Saufen ist mein Ostern tot, mein Pfingsten", bekannte Bernhard schon als junger Dichter. "Was bist Du für ein Wein, mein Herr Urin?"

Handke:

Im Jahr 1996 fuhr Handke in die Republika Srpska, um mit dem Hobbydichter und gesuchten Kriegsverbrecher Radovan Karadžić – freilich erst nach dem Austausch von Lyrikbändchen – selbstgebrannten Pflaumenschnaps zu trinken. Diese Geschmacklosigkeit erklärte Handke später folgendermaßen: "Für mich war das ganz selbstverständlich, dass ich da hingehe. Man will die Geschichte verstehen, also geht man hin." Ganz ähnlich hatte Jörg Haider seinen Besuch bei Saddam Hussein begründet – aber Haider traf nur dessen Doppelgänger, und Schnaps gab es keinen. Auch ist die Parallele zur Saufbruderschaft zwischen Dennis Rodman und Kim Jong Un nicht zu übersehen. Die Haltung Rodmans zu seinen winterlichen Reisen nach Nordkorea gleicht im Übrigen auf frappierende Weise Handkes Erzählhaltung in seinen Serbien-Schriften.

Mit sieben Seufzern

Erotik

Bernhard:

"Liebe Gerda, Sie fehlen mir absolut! Das sollten Sie wissen. Zu den Feiertagen wünschte ich sehr mehr als nur einen flüchtigen Kontakt. In Vor-Freude, Thomas, mit 7 Seufzern." So schrieb Bernhard, sehr formell, wie immer im Schriftlichen, an eine seiner Freundinnen, die Sexbombe Gerda, in deren weitläufigem Landhaus im oberösterreichischen Oberweis Bernhard einmal einen schlüpfrigen Film drehen wollte: "Die Bestie von Oberweis", starring Gerda, "mitwirkend Thomas, ein Laszivfilm im Lekmi-Verleih."

Handke:

"Ich ergriff mein Glied, zuerst mit dem Handtuch, dann mit der bloßen Hand, und fing, während ich so stand, zu onanieren an. Es dauerte sehr lange, und manchmal machte ich die Augen auf und schaute zu dem Milchglasfenster des Badezimmers hinüber, auf dem sich die Schatten der Birkenblätter auf und ab bewegten. Als der Samen endlich herauskam, knickte ich in den Knien ein." Aus Der kurze Brief zum langen Abschied.

Alle huldigen Handke

Prognose

Bernhard:

"Bernhard, das ist meine These, wird, auch weltweit, irgendwann der Nachfolger von Hermann Hesse, wenn es um die deutschsprachige Literatur geht", schreibt das Suhrkamp-Urgestein Raimund Fellinger, der sowohl Bernhard als auch Handke lektorierte. "Hesse ist jetzt in annähernd neunzig Sprachen übersetzt, Bernhard inzwischen in vierundfünfzig. Wenn ich unsere Buchhandelsvertreter frage: 'Was würden Sie sich wünschen wollen?', ist die Antwort: 'Wir müssen unbedingt wieder einen Bernhard haben!'"

Handke:

"Der Handke wird alle Befriedigung erfahren, wenn er tot ist. Auch um das wird Handke nicht herumkommen. Ich glaube, dass Handke nach seinem Tod erst recht so richtig den Lorbeer serviert bekommt, auf Silbertabletts von den Staatsspitzen bis zu den österreichischen Schülern, die ein Gedicht aufsagen am Muttertag, sie alle werden Handke huldigen", so lautet die optimistische Prognose seines Suhrkamp-Kollegen Robert Menasse. In Serbien zumindest ist Handke der Status als Nationalheiligtum schon sicher.


Von Alexander Schimmelbusch ist gerade der Roman "Die Murau Identität" erschienen, eine Hommage an Thomas Bernhard (Metrolit Verlag, 208 S., 18,00 €).