Es ist nicht gewiss, wie viel Todesmut die nicht gerade als Untergrund-Verlag bekannte Deutsche Verlags Anstalt aufgebracht hat, um die 397 Seiten in Druck zu geben. Ebenso unklar ist, ob die Dekorateure deutscher Großbuchhandlungen sich erst einmal ein Maß an Obrigkeitsverachtung ansaufen mussten, um das schwarze Buch nun in die Schaufenster zu stapeln, bevor das Meinungskartell zuschnappt. Und was bedeutet es, dass Der neue Tugendterror wenige Tage vor Veröffentlichung lediglich auf Platz 36 der Amazon-Charts lag –  Zensur? Jeder rezensionswillige Autor jedenfalls musste vorab eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen und versprechen, keine Information, kein Zitat aus dem Buch vor dem 24. Februar öffentlich zu machen. Thilo Sarrazin kennt die Grenzen der Meinungsfreiheit sehr genau. 

Eine Schaffnerin hatte den ehemaligen Berliner Finanzsenator vor ein paar Jahren um ein Autogramm gebeten. Gerade war Deutschland schafft sich ab erschienen, und überall im Land donnerte das Echo auf Sarrazins Erörterungen über Migranten, die außer als Gemüsehändler keine Funktion für die Stadt Berlin besäßen und ansonsten laufend "Kopftuchmädchen" produzierten. Man stritt über genetisch vererbte Intelligenz und über die Unterschicht, gegen deren Aufsässigkeit Sarrazin die Leistungsträger der Gesellschaft verteidigte. Während Sarrazin also mitten in dieser Debattenklimakatastrophe Zug fuhr, habe ihm die Schaffnerin zugeflüstert: "Was Sie alles leiden müssen, nur weil Sie sagen, was wir alle denken." 

Damit wäre der Kammerton des nun vorliegenden Buchs, aus dem die Anekdote stammt, eigentlich schon recht gut umrissen. Der neue Tugendterror ist zu großen Teilen die Rezeptionsgeschichte der sogenannten Sarrazin-Debatte, aus der sein Urheber nun eine neue Diagnose ableitet: In Deutschland herrsche eine Diktatur der politischen Korrektheit – ein "transnationales Phänomen des Abendlandes" – in der streng darüber gewacht werde, was sagbar ist und was nicht. Es sei das Primat der Gleichheit, dem sich unsere Gesellschaft schlechterdings unterwerfe, schreibt Sarrazin, und jeder Hinweis auf Unterschiede der Kulturen, der Völker und Rassen werde deswegen als amoralisch verurteilt. 

Basis-Nietzsche und Volkshochschul-Freud

Wohin das politische und mediale "Gleichheitspostulat" führt, weiß Sarrazin auch. Die Bedrohungstapete, die er ausrollt, reicht ohne argumentative Umwege von Jean-Jacques Rousseaus resoluter Kritik an der Ungleichheit zum Marxismus, der unter anderem das bürgerliche Familienideal eliminiert habe, bis hin zum Stalinismus und auf die Killing Fields der Roten Khmer. Dazu gesellen sich Exkurse zum Terror der Französischen Revolution, zur Inquisition, zur Hexenverbrennung und zum Neusprech von George Orwell, die das ganze Puzzle komplettieren sollen: Wir sind auf dem Weg in einen neuen gedanklichen Sozialismus, einer Gleichschaltung, sowohl sprachlich als auch politisch.

Dabei müsse man doch sagen dürfen: Wer auf die unfaire Verteilung in der Welt hinweise, ist ein lächerlicher Gutmensch. Wer Gerechtigkeit als Gleichheit interpretiert, ist obendrein neidisch – so viel Basis-Nietzsche und Volkshochschul-Freud müssen sein. Seinem elitären Zwangscharakter ist Sarrazin auch die Unterschichtsverachtung schuldig. Denn nützlich ist nur, wer ökonomisch von Nutzen sei. Sarrazin behauptet eine Leistungsethik, die durch keine falsche Rücksicht auf Schwächere gestört werden darf. Vietnamesen: gut. Muslime: eher nicht wegen Islam und fehlender "Bildungsneigung". So gesehen: Erst einmal nicht viel Neues. Besonders Angela Merkels Reaktion auf seine Populationsgenetik ("nicht hilfreich") nimmt Sarrazin als Beweis für seinen Befund, dass hier höhere Meinungsmächte am Werk sind.  So ähnlich muss es auch Peter Sloterdijk gemeint haben, als er Sarrazin damals mit Vertikalspannung sekundierte: "Auf Wahrheit soll künftig die Todesstrafe stehen: Existenzvernichtung."

Bestsellerliste als Plebiszit gegen Gutmenschen

Man kann nur raten, was Sloterdijk gemeint haben könnte, war Sarrazins Meinung doch eher etwas, wovon man in Deutschland finanziell bestens leben kann. Und auch medial hielt sich die Existenzvernichtung in Grenzen: Wie oft Thilo Sarrazin in den vergangenen Jahren bejaucht und verillnert wurde, lässt sich kaum mehr nachzählen. Jenseits des Fernsehens traf man ihn auch nicht gerade in den Debattenwüsten der Republik an: Vorabdruck in der Bild-Zeitung, Vorabdruck im Spiegel, Interview in der ZEIT, Sarrazin-Festspiele in der FAZ, während derer sich übrigens der Herausgeber Berthold Kohler über kübelweise positive Zuschriften freute, weil jemand hier endlich mal dem Establishment Bescheid gesagt hat. Auf der Seite eins der FAZ, wirklich eine marginalisierte Gegenöffentlichkeit.

Doch genau das soll man glauben, wenn man das neue Buch von Sarrazin liest. Dass hier ein Mann gehetzt, geächtet und mit "rhetorischen Massenvernichtungswaffen" (Kohler) niedergestreckt wurde, wehrlos und isoliert. Da ist es ganz gleich, wen Sarrazin selbst, neben der Volksstimme der Bahnschaffnerin, als Unterstützer auflistet, die ihm in den Medien beistanden, gewissermaßen als schreibende Eingreiftruppe: Hans-Ulrich Wehler, Hans Olaf Henkel, Henryk M. Broder, Necla Kelek. Man wird ja wohl noch fragen dürfen: Nennt man so was nicht Diskurs?

Die Vorstellung einer autoritären Mediengesellschaft wird umso absurder, je deutlicher man sich macht, wie stark Sarrazin in sie hineinwirken konnte, wenn es um Integration und Migration ging. Debatten, die seit Jahren auf jeder großen Zeitungsseite ihren Platz hatten, drehte Sarrazin auf null zurück. Jede Kritik an seinen Thesen war ihm ein weiterer Beweis für deren Richtigkeit. Und seine Fans kauften das Buch und beanspruchten wie ihr Held, Teil einer Gruppe zu sein, deren Ansichten von einer Elitenverschwörung klein gehalten werde – der Erfolg gäbe dem Autor doch recht. Als sei die Bestsellerliste ein Plebiszit gegen alle Menschen, die nur mit dem Herzen gut sehen und glauben, in deutschen Schulen, Betrieben, Straßen und Standesämtern sei genügend Platz für alle.