Nachdem er Sibylle Lewitscharoffs Dresdener Rede vom 2. März hörte, hat Jo Lendle am Mittwoch einen Brief an sie entworfen, allerdings nicht abgeschickt. Er formulierte ihn weder als Hanser-Verleger noch als Autor, sondern als Onkel.

Liebe Sibylle Lewitscharoff,

ich schreibe dies, bevor morgen womöglich die Sorte Gewitter über Sie hereinbricht, die es jetzt manchmal gibt. Ich schreibe es als Onkel eines Jungen, der zwei Mütter hat.

Mein Neffe ist ein überaus liebenswerter Kerl, aber auch wenn er der triefnasigste Hirbel wäre, würde ich mich vor ihn werfen gegen Ihre Worte. Ich habe mir die Aufnahme Ihrer Dresdener Rede immer wieder angehört, im Versuch zu verstehen, worum es Ihnen gehen könnte mit dem, was ich nur als Anfeindung empfinden kann. Es ist für mich nicht auszuhalten, dass Sie Menschen wie ihn Halbwesen nennen. Und selbst wenn es ihn nicht gäbe (was Sie zu wünschen scheinen) und ich also nicht als Betroffener auf Ihre Rede antworten würde, könnte ich nichts anderes sagen als das: Ich ertrage es nicht. Dieses Denken, diese Sprache und ihre Tradition sind mir fremd. Sie decken sich übrigens auch nicht mit meinem Verständnis von Christentum, selbst wenn es darum hier nicht geht.

Ich kann Ihr Unbehagen an der Optimierung allen Lebens nachvollziehen, aber Sie vermischen in diabolischer Weise Dinge, die nichts miteinander zu tun haben. Die Paare, die sich heute für künstliche Befruchtung entscheiden, klonen keine Nobelpreisträger, sie bekommen ein Kind. Das geschieht in der Tat ohne Geschlechtsverkehr. Na und? Waren wir nicht alle der Meinung, dass Sex überschätzt wird? Sex ist erfreulich, Fortpflanzung auch. Beides voneinander zu trennen, ist eine relativ alte Idee (auch wenn das höchstens die Hälfte der aktuellen Päpste zur Kenntnis nimmt). Es ist, um in Ihrer Sprache zu bleiben, ein fast ursprünglicher Wunsch. Sie nennen es widerwärtig, wenn ein Kind ohne Sex zur Welt kommt. Sie schreiben: "Wie verstörend muss es für ein Kind sein, wenn es herausbekommt, welchen Machinationen es seine Existenz verdankt." Das ging mir als traditionell Empfangenem offengestanden nicht anders. Eltern dürfen auch mal unerklärlich sein. Selbst Jesus hätte allen Grund gehabt, verstört von den Umständen seiner Zeugung zu sein. Es hat ihm, so weit wir das von heute aus beurteilen können, nicht geschadet.

Ich freue mich, wenn Menschen, die Kinder bekommen möchten, Kinder bekommen können. Sie sind die besten Eltern. Ich weiß, dass das Kinderwollen manchmal angestrengte Züge trägt. Aber unerfüllter Kinderwunsch brachte auch in diesem herrlichen "Früher" schon viele Leute auf groteske Ideen – die Votivtäfelchen im Halbdunkel alter Kirchen erzählen die Geschichten. Was Ihnen "abartig" erscheint (ein Ausdruck, der durch seine Wortgeschichte nicht gewonnen hat), sind in Wirklichkeit Menschen. Sie könnten selber einer davon sein. Wir leben nun einmal in der Gegenwart und wir tragen neue Verantwortungen, so schwer das gelegentlich sein mag. "Ich ärgre mich nicht; Ärger ist ungesund", schreibt Georg Büchner. Ich aber ärgere mich.

In der Themenwoche Ungewollt kinderlos hat sich ZEIT ONLINE damit beschäftigt, wie Menschen mit Unfruchtbarkeit, Fertilisation und deren moralischen Implikationen umgehen.