Vor geraumer Zeit schrieb ich ein Buch voll satirischer Hass-Essays oder auch Hassays. Es heißt Die schönsten Wanderwege der Wanderhure. Kein historischer Roman.

Der Titel ist, bei Kurztextbänden nicht unüblich, einem der Essays entlehnt und sorgte nach Erscheinen des Buches für einen Rechtsstreit zwischen Droemer Knaur, dem Verlag der Wanderhuren-Reihe, und meinem Verlag, Voland & Quist. Wegen angeblicher Verletzung der Titelrechte an der Wanderhuren-Reihe, aber auch weil ich mich, so ein weiterer Vorwurf, über das Schicksal fahrender Hübschlerinnen im Mittelalter und über das Autorenpaar Iny Lorentz auf unverschämteste Weise lustig mache. Ich bezeichne sie im Glossar als Rentner. Obwohl das gar nicht stimmt. Fies.

Der Richter erkannte den Titel nicht als satirisch an. Wir hätten ihn wohl in Gänsefüßchen setzen sollen. Oder einen Zwinker-Smiley dahinter.

Stattdessen haben wir nun bis September Zeit, die vorhandene Auflage abzuverkaufen. Das wird schwierig, schließlich wurden in der Hoffnung auf Erfolg durch Trittbrettfahrerei drei Millionen Exemplare gedruckt ;-).

Das alles tut mir leid. Für alle Beteiligten. Vor allem aber für mich. Ich fühle mich unverstanden.

Dass ich überhaupt anfing zu schreiben, war ein großer Zufall. Ich komme aus der ehemaligen DDR. Wir hatten ja nichts. Aber eines Tages, es muss im Mai 1436 gewesen sein, fand ich einen Stift auf der Straße. Dieser Stift lag neben einem Katalog für Damenunterwäsche, auf dessen Rückseite sich Reklame befand, die für eine Schreibschule warb. Ich bestellte für nur 300 Gulden die Unterlagen und siehe da: Ich konnte schreiben.

Nur war die Themenwahl eine schwierige. Ich grübelte lange. Was interessierte mich eigentlich?

Ich war in der Pubertät, die Frage erledigte sich also von selbst. Nichts.

Ein paar Jahre döste ich so vor mich hin, in meiner kleinen Kammer. Meine Existenz schrumpfte in sich zusammen wie eine verschimmelnde Mandarine. Und es roch auch so.

Dann entdeckte ich die Wanderhure. Also das Buch. Und ich wurde Fan.

"Ich als Geschichts-Leistungskursler wusste die historische Genauigkeit der unzähligen Romane sehr zu schätzen. Wie brillant die Einordnung, wie plastisch die Szenerie."

Leider wollten sich die Urheber dieser fantastischen Geschichte nie mit mir fotografieren lassen. Gut, ich war verkleidet. Wie es sich gehört bei Fantasy-Lesungen. Als Wanderhure. Mein Kostüm war dem Märchen der klugen Bauerntochter entlehnt. Ich trug also nur ein Fischernetz, vielleicht war das ein bisschen scary. Aber auch sexy.

Deswegen musste ein anderer Weg beschritten werden, um meinen Idolen nah zu sein.

Eine Hommage erschien mir passend. Dabei bin ich womöglich über das Ziel hinausgeschossen. Auch lag es nicht in meiner Absicht, die gesellschaftliche Relevanz der Wanderhuren im Mittelalter mit Füßen zu treten. Ich bin prinzipiell großer Hurenfan, im speziellen derer des fahrenden Schlags. Die Entbehrungen, die die im Mittelalter auf sich nehmen mussten! Schon alleine, weil Mittelalter war. Die wussten ja nix. Und immer war es dunkel. (lol)

Gutes wollen, Böses schaffen

Mein Verlag und ich werden jetzt möglicherweise einen neuen Titel suchen müssen. Da wir noch immer im Thema stecken, möchte ich die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, einige weitere Referenztitel anzugeben, die ich noch in Petto habe:

"Die Wanderhure – Sex to go"

"Nageln im Freien – die Wanderhure unterwegs mit Zimmerleuten"

"Die Wunderhaare der Wanderhure"

Selbstverständlich ist die Wanderhure nur ein Teil des großen Œuvres des Autorenkollektivs.

Einen anderen wichtigen wirtschaftlichen Bereich des Mittelalters decken sie mit der Wanderapothekerin ab. Man möchte meinen, dass es eigentlich gar keine Persiflage mehr braucht. Sei es drum, auch hier habe ich noch einige Vorschläge, die ich gerne zur Verfügung stelle, sollte es einmal an Inspiration mangeln:

"Der Mörser der Wanderapothekerin"

"Das Wadentattoo der Wanderapothekerin"

"Jeder Braut ihr Kraut – Abtreiben mit der Wanderapothekerin"

Und für den Fall, dass die Wanderapothekerin irgendwann ihre letzte Salbe gemischt hat, noch einige weitere Wanderberufe:

"Der Wanderbürgermeister"

"Die Wanderpäpstin" Oder ein wenig abstrakter:

"Der Wandervulkan"

"Das Wandermeer"

"Die Wandersonne" Oder ganz modern:

"Der Wanderveganer. Irgendwann ist das Korn halt alle."

Ich bin ja nicht nur Fan der Wanderhure. Ich mag auch andere große fiktionale Werke der Gegenwart. Von Thilo Sarrazin beispielsweise.

Da könnte man Klagen gleich kombinieren. Ohne großen bürokratischen Aufwand.

"Die Wanderhure schafft sich an." Mein Favorit ist allerdings gerade:

"Die Hure, die aus dem Fenster sprang und wandern ging"

Oh-oh, das gibt doch bestimmt wieder Ärger.

Dann lieber ein satirischer Titel, der sich auf etwas bezieht, was keiner kennt. #Ironie

Vielleicht wird mein Dilemma deutlich. Ich bin Teil jener Kraft, die stets das Gute will und doch stets das Böse schafft. Ich will witzig, beliebt und berühmt sein, allein, mir fehlen die Mittel.

"Wenn doch nur Worte meine Sprache wären!", sang einst Tim Dingsbums. Könnte aber auch von Iny Lorentz sein. Ich werde das noch einmal nachlesen.

Und ich verspreche an dieser Stelle, dass ich mich im nächsten Buch über niemanden lustig mache. Das ist nämlich nicht nett. Und teuer.

Vielleicht schreibe ich was über Holzfäller. Im Barock. Die hatten es auch nicht leicht.

Julius Fischer, geboren 1984 in Gera, ist ein deutscher Satiriker und Slam-Poet. Er studierte Germanistik und Geschichte in Leipzig. Sein Kurzgeschichtenband "Die schönsten Wanderwege der Wanderhure" (Voland & Quist, 2013) darf laut dem Düsseldorfer Landgericht nicht mehr unter diesem Titel vertrieben werden.