"Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen; ich habe gemalt, was sie nur taten", heißt es in der Vorbemerkung zu den gerade im Verlag Jung und Jung neu erschienenen Letzten Tagen der Menschheit von Karl Kraus. "Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate." Unter Zitat versteht Kraus allerdings nicht nur wörtlich Übernommenes. Wendungen werden von ihm vielmehr umformuliert oder auf eine Weise frei erfunden, dass sie das Exemplarische und Symptomatische der Zeit herausstellen. 

Karl Kraus war der Hausgott des Journalisten, Schriftstellers und Zeitschriftenmachers Uwe Nettelbeck; die Methode des Zitierens und Collagierens hat sich der heute fast Vergessene beim großen Wiener Satiriker abgeguckt. 


Polemisch und entlarvend

Nettelbeck begann in den frühen Sechzigern als junger Filmkritiker bei der ZEIT, wurde kultisch verehrt, zog sich aber bald aus Verärgerung über die Reglements und Konventionen im Tagesgeschäft aus dem öffentlichen Kulturbetrieb zurück. Anfang der Siebziger produzierte er die Krautrockband Faust und schrieb Bücher, die im Privatdruck erschienen. Durch ein Erbe finanziell ganz unabhängig, gab er zusammen mit seiner Frau drei Jahrzehnte lang bis zu seinem Tod 2007 Die Republik heraus, eine Zeitschrift, der Kraus' Fackel hell den Weg leuchtete und die von Nettelbeck fast im Alleingang verfasst wurde, oft in einem polemischen Duktus, in dem noch die entlarvenden Invektiven seines österreichischen Kritiker-Ahnen nachhallten – zumindest nachhallen sollten.

Und Nettelbeck hat, Karl Kraus auch hierin nacheifernd, ebenfalls seine Letzten Tage der Menschheit geschrieben, wenngleich in sehr viel bescheidenerem Umfang, in historischer Rückschau und nüchtern in Form eines Montageromans. Der Dolomitenkrieg erschien erstmals 1976 in der Sammlung Mainz wie es singt und lacht, später aus diesem Kontext herausgelöst in einer Einzelausgabe. Nun liegt das Buch wieder vor, schön gestaltet und versehen mit einem Nachwort des Soziologen Detlev Claussen.

Stellungskampf im Hochgebirge

Was Nettelbeck an dem Thema des Dolomitenkriegs interessiert haben dürfte, wird auf den ersten Seiten deutlich: "Keine Front aber war merkwürdiger als jene, die in weitem Bogen über die Hochgipfel der Alpen geschlagen worden war." Tatsächlich gehört der von 1915 bis 1918 zwischen Italien und Österreich-Ungarn tobende Stellungskampf in den Dolomiten zum Seltsamsten, was dieser an Seltsamkeiten reiche Erste Weltkrieg zu bieten hat. "Von der Schweizer Grenze bis zum Abfall der Alpen in die lombardische Tiefebene bildeten die Kampflinien eine fast 100 Kilometer lange, geschlossene Eisfront, die fast durchwegs in Höhen von über 3000 Meter verlief und deren tiefste Punkte Übergänge wie der Tonalepaß mit immerhin noch 1900 Meter Höhe waren."

Man kann sich wohl nur ansatzweise vorstellen, unter welch misslichen Umständen die feindlichen Truppen einander begegneten: Klettern im Hochgebirge ist ja an sich schon ein gefährliches Unterfangen, dabei aber noch beschossen oder von gegnerischen Soldaten verfolgt zu werden, machte die Angelegenheit keineswegs angenehmer. Hinzukamen Kälte, unberechenbare Wetterverhältnisse, Gletscherspalten, die sich plötzlich unter dem gerade aufgeschlagenen Lager auftaten. Nachschub und Waffen mussten erst einmal in eisige Höhen geschleppt werden. Mit Mühe hielt man sich an Felsvorsprüngen fest oder suchte Deckung auf windigen Plateaus. Italiener und Österreicher verwandten viel Energie darauf, Stollen durchs Gebirge zu treiben, um hinter die feindlichen Stellungen zu gelangen und diese in die Luft zu jagen. Die Gegentunnel verliefen unter oder über denen der anderen Kriegspartei, Spezialkräfte versuchten, die Fortschritte der gegnerischen Grabungen zu erlauschen, um sie durch gezielte Sprengungen zu unterbinden.