Die Debatte um Akif Pirinçcis Schmähschrift Deutschland von Sinnen. Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer ist ein bizarres Phänomen. Vor allem die intellektuelle Fraktion der deutschen Rechten applaudiert der im Bushido-Stil vorgetragenen Agitation gegen allerlei "linksgrün-versiffte" Dogmen. Von der nationalkonservativen Wochenzeitung Junge Freiheit über das radikallibertäre Magazin eigentümlich frei (ef) bis hin zum Online-Portal der Sezession, der Hauszeitschrift der Neuen Rechten, kommt Pirinçci zu Wort. Bemerkenswert wirkt dabei, dass das neue enfant terrible der Rechten dort gezielt gegen den bürgerlichen Knigge-Kanon verstoßen darf.

Das Phänomen Pirinçci lässt das publizistische Netzwerk jener deutschen Rechten sichtbar werden, die offiziell weder mit den "Feierabend- und Sonntagskonservativen" von der Union oder gar mit den Plebejern der NPD verwechselt werden will. Schon ein Streifzug durch die einschlägigen Periodika gibt Auskunft über den widersprüchlichen und krisenhaften Zustand einer politischen Subkultur, die zur Bildung einer Gegenelite angetreten ist.

In einem Kommentar für die Junge Freiheit freut sich beispielsweise Michael Paulwitz, der "Schriftleiter" der Burschenschaftlichen Blätter, über die Aussicht auf einen "mit türkischem Stolz" bereicherten Patriotismus in Deutschland. Ein beinahe multikulturelles Statement für ein Milieu, in dem sonst nur als "Deutscher" gilt, dessen Ahnentafel mindestens bis zu den Vorfahren von "Hermann dem Cherusker" zurückreicht. Paulwitz ist Mitverfasser des Buches Deutsche Opfer, fremde Täter und sucht Anschluss an den Erfolg eines Autors, der durch die Warnung vor einem durch die Gewalt junger muslimischer Männer ausgelösten "veritablen Bürgerkrieg" bekannt wurde.

Pirinçcis Gedanken zu den Reizthemen der Gegenwart haben einen Nerv getroffen. Selbst Focus, Bild am Sonntag und das ZDF-Morgenmagazin schenken dem Autor ein Forum. Es scheint, als hätte die deutsche Rechte einer ihrer schillerndsten Figuren zu einem medialen Coup verholfen. Und tatsächlich: Wann gab es auf dem deutschen Buchmarkt zuletzt einen Überraschungserfolg, der von seinem Verleger als Kampfansage gegen das "Umerziehungsdelirium" angepriesen wird?

Raunen über die Niederlage

Kulturkämpferische Signalwörter prägen die Rhetorik eines anachronistischen Milieus randständiger Intellektueller, die wie der Publizist Karlheinz Weißmann den Konservatismus wieder als "Kampfbegriff" etablieren wollen. Diese "intellektuelle Rechte" ist angetreten, den "metapolitischen" Kampf um die Begriffe sowie die Köpfe der deutschen Elite zu führen. Dabei wirkt sie trotz der derzeit forschen Töne reichlich verstaubt. Weißmann, der Chefideologe der Neuen Rechten, sinnierte Ende Februar in der Jungen Freiheit über das "Verschwinden des Herrensalons" als Teil der "unterschätzten Negativfolgen der großen Egalisierung". Seine Klage über den Zwang, den Damengesprächen über die "Wiederkehr des Lockenstabs" lauschen zu müssen, ist keine rein ironische Volte. Rechte Intellektuelle wie Weißmann begleiten den gesellschaftlichen Wandel in Deutschland mit einem kulturpessimistischen Raunen über die eigene Niederlage.

Dabei repräsentieren die vielfach gleichzeitig in Blättern wie Junge Freiheit, Sezession oder eigentümlich frei anzutreffenden Autoren (sowie die wenigen Autorinnen) eine durchaus heterogene Rechte, die vor allem durch eine gemeinsame Feinderklärung verbunden ist: gegen die Linken, gegen den gesellschaftspolitischen Liberalismus. Die Tür zur deutschen Elite steht diesem politischen Lager nur einen Spalt offen. Deshalb müssen sie noch den abseitigsten Trash eines anarchischen Rechtslibertären zum Beleg für eine konservative Offensive umdeuten.