Ein kurzes Selbstporträt von Gabriel García Márquez aus dem Jahr 1966 beginnt mit einer selbstironischen Geste, als würde er das eigene Leben aus einer gewissen Distanz wahrnehmen, als wäre es auch Teil einer Erzählung, die Varianten, Abweichungen und Verfremdungen erlaubt: "Ich heiße Gabriel García Márquez, mein Herr. Bedaure: Auch mir gefällt dieser Name nicht; er ist doch nur eine Aneinanderreihung von Allerweltsnamen, mit denen ich mich noch nie identifizieren konnte. Ich wurde in Aracataca, Kolumbien, geboren, vor fast 40 Jahren, und ich bereue es noch nicht. Fisch ist mein Sternzeichen, Mercedes meine Frau. Das sind die zwei wichtigsten Dinge, die mir in meinem Leben passiert sind, denn mit ihrer Hilfe konnte ich, bis heute wenigstens, schreiben – und lebe noch."

Im Jahr, als diese Selbstauskunft entstand, arbeitete García Marquéz an einem Roman, der seinen Allerweltsnamen in ein Markenzeichen verwandeln sollte, seinen Geburtsort in eine Pilgerstätte für seine Verehrer, sein bis dahin im Verborgenen geführtes Leben in ein öffentliches. Als der Journalist und Verfasser kleinerer Prosawerke das Manuskript von "Hundert Jahre Einsamkeit" in dieser Zeit an seinen Verleger senden will, reicht das Geld nicht einmal für die Portogebühren. Er muss es – zeitlich versetzt – in zwei Paketen schicken. Das Buch erreicht zum Glück in Gänze seinen Verlag und kurz darauf auch die ganze Welt: Der Roman wurde bis heute in 35 Sprachen übersetzt und mehr als 30 Millionen Mal verkauft; er brachte seinem Verfasser nicht nur Ruhm und Wohlstand ein, sondern auch den Literaturnobelpreis, der García Márquez 1982 verliehen wurde.

"Hundert Jahre Einsamkeit" katapultierte den kolumbianischen Schriftsteller auf den Olymp, und für die lateinamerikanische Literatur insgesamt war dieses Buch ein Türöffner. In der Folge dieses Erfolgs wurden auch andere lateinamerikanische Autoren wie Julio Cortázar, Mario Vargas Llosa oder Alejo Carpentier in viel stärkerem Maße wahrgenommen, mündend in der wegweisenden Frankfurter Buchmesse des Jahres 1976, als Lateinamerika Schwerpunktthema war.

Die Geschichten der Großmutter waren prägend

Gabriel García Márquez war zudem in stilistischer Hinsicht prägend. Was wir heute in der Literatur als "Magischen Realismus" kennen, wurde von García Marquéz mitentwickelt – jenes Changieren zwischen Wirklichkeit, Phantastik, Traum und Mythos. Prägend für diesen kraftvollen, zupackenden, zugleich filigranen Stil und die Motive waren seine Kindheit, besonders die Erzählungen der Großmutter. "Der Ton, den ich verwendete, basierte auf der Art und Weise wie meine Großmutter erzählte", schrieb García Marquéz einmal. "Sie erzählte von Sachen, die übernatürlich und phantastisch klangen, aber sie erzählte sie so, als seien sie ganz natürlich und realistisch."

In "Hundert Jahre Einsamkeit" wird eine Geschichte Kolumbiens in Geschichten erzählt, Mythen und Anekdoten sind darein verwoben, es geht um die Gegenwart und die Vergangenheit, um die Alte und die Neue Welt – und um ganz archaische Dinge, die jeden angehen, jeden Leser affizieren. García Marquéz' Heimat Aracataca an der nördlichsten Spitze Kolumbiens wird im Roman zu dem inzwischen sagenumwobenen, auch in anderen Werken auftauchenden Ort Macondo, ein Mikrokosmos, in dem alles menschliche Tun fast exemplarisch, aber nie schematisch vorgeführt wird.

"Das Leben ist nicht das, was man gelebt hat"

Seine Memoiren "Leben, um davon zu erzählen", die 2002 erschienen sind, heben mit der Wiederbegegnung mit diesem Geburtsort an – eine frühe literarische Initiation. García Marquéz begleitet seine Mutter dorthin, um das Haus des Großvaters zu verkaufen. Es ist eine folgenreiche Reise für den jungen Schriftsteller, der gerade sein Jura-Studium abgebrochen hatte. "An dem Tag, an dem ich mit meiner Mutter zum Verkauf des Hauses fuhr, kam mir alles wieder ins Gedächtnis, was mich als Kind beeindruckt hatte, aber ich war mir weder sicher, was früher und was später gewesen war, noch was das alles in meinem Leben bedeutete." Erst in seinem Schreiben ordnen sich diese Erinnerungen. Am Anfang seiner Texte steht meist "ein einfaches Bild". Dieses Bild wird ausgemalt, immer mehr erweitert, sodass ein imposantes Tableau entsteht.

Gabriel García Marquéz hat weitere Romane geschrieben, deren Titel ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind: Der Herbst des Patriarchen, Chronik eines angekündigten Todes oder Liebe in Zeiten der Cholera, um nur ein paar zu nennen. Sein Werk umfasst neben der Erzählprosa etliche journalistische Texte, darunter Reportagen, die zu Meisterstücken des Genres gehören. "Roman und Reportage sind Kinder einer selben Mutter", heißt es in seiner schon erwähnten Autobiographie Leben, um davon zu erzählen, die als Erstes von drei Teilen konzipiert war und die er nicht vollenden konnte. In den letzten Jahren verstummte Gabriel García Marquéz, geschwächt durch Krankheiten.

"Das Leben ist nicht das, was man gelebt hat, sondern das, woran man sich erinnert und wie man sich daran erinnert – um davon zu erzählen", lautet das Motto seiner Memoiren. Tatsächlich stellt García Marquéz' Werk eine Verwandlung der eigenen Existenz in Literatur dar, eine intensive Poetisierung von Erfahrungen und Bildern, eine Auseinandersetzung mit den politischen Realitäten der eigenen Zeit und ein Versuch, seinen Figuren Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Im Sommer 2012 teilte sein Bruder der Öffentlichkeit mit, Gabriel García Marquéz leide an Demenz – die Erinnerungen, die erzählt werden müssen, schwanden mehr und mehr. Nun ist der Übervater der lateinamerikanischen Gegenwartsliteratur im Alter von 87 Jahren in Mexiko-Stadt gestorben.