ZEIT ONLINE: Ihr Roman Das letzte Land erzählt vordergründig die Geschichte eines Musikerlebens im 20. Jahrhundert. Vor allem aber stellen Sie darin die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Moralität. Kann man diese Frage tatsächlich an Kunst stellen?

Svenja Leiber: Ich muss und möchte diese Frage stellen. Sie tut sich einfach auf. Im Speziellen ging es mir um den Zusammenhang von Virtuosität in der Musik und dem Tun und Unterlassen in sozialen, biografischen und gesellschaftlichen Fragen.

ZEIT ONLINE: Einfacher kann man diese Frage ganz sicher an einen Künstler selbst stellen. Und auch beantworten.

Leiber: Für Ruven Preuk, die Hauptfigur des Romans, fällt die Antwort fatal aus. Am Ende seines Lebens ist ihm einerseits nicht gelungen, was er sich gewünscht hatte: ein erfolgreicher Musiker zu werden. Gleichzeitig hat er auch nichts erreicht, was ihm das Leben als lebenswert beschreiben könnte. Seine Vorstellungen von "Virtuosität" haben es ihm weder erlaubt sich politisch, noch in Liebesbeziehungen zu anderen Menschen zu positionieren. Er ist letztendlich der Orpheus des 20. Jahrhunderts, der all seine Eurydiken, die weltlichen wie die transzendenten, verliert. Wer als Künstler gilt, darf sich mitunter so abwegig und egoistisch verhalten, wie er will. Man verzeiht es ihm, bewundert ihn sogar vielleicht noch mehr um seiner Fähigkeiten, seiner Kunst willen, und dafür, dass er sich nicht um gesellschaftliche Normen schert, sondern diese infrage stellt. Ein Überbleibsel aus dem alten Geniegedanken. Aber was ist mit denen, die nichts werden? Das wird Ruven Preuk sich schließlich fragen müssen.

ZEIT ONLINE: Aber alles verzeiht man Künstlern ja auch nicht. Unlängst hat Ihre Kollegin Sibylle Lewitscharoff mit ihren Äußerungen zur künstlichen Befruchtung große Empörung auf sich gezogen.

Leiber: Das ist wahr. Und ich fürchte zu Recht. Auch wenn ich die schnelle Bereitschaft der Öffentlichkeit zur hämischen Hatz ebenfalls erschreckend finde. Aber Frau Lewitscharoff erzeugte mit ihren Aussagen in meinen Augen das Gegenteil von dem, was man von Kunst und Kultur erhoffen kann. Sie meinte etwas Wesentliches am Menschen schützen zu müssen und ächtete dabei den Menschen selbst.

ZEIT ONLINE: Ruven, der Protagonist ihres Romans, ist außergewöhnlich begabt, trotzdem wird aus ihm kein großer Musiker. Was sind die Gründe für sein Scheitern?

Leiber: Ich möchte ungern zu viel vom Scheitern sprechen. Wir meinen immer ganz schnell, uns auf etwas einigen zu können, wenn wir mit Brüchen und Dissonanzen nicht umzugehen wissen. Erst einmal kommt Ruven überhaupt nicht damit zurecht, dass zu seiner Begabung auch gehört, das "Genie" auch darstellen zu müssen. Er ist der Junge vom Dorf, der in das gebildete Bürgertum, in die Musikszene keinen wirklichen Einlass findet. Natürlich auch deshalb, weil er sich nicht sonderlich geschickt dabei anstellt. Er bleibt zu distanziert. Ihm fehlt die Biegsamkeit des Ausdrucks und ihm gelingt es nicht, die Rolle des Virtuosen zu spielen. Und nicht zuletzt ist er auch nicht bereit dazu.

Aussehen zählt mehr als Texte

ZEIT ONLINE: Wäre seine Situation heute eine andere?

Leiber: Selbstverständlich leben wir heute in einer komplett anderen Situation. Aber der Roman spiegelt auch gegenwärtige Umstände.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Leiber: Im Zusammenhang mit Öffentlichkeit tritt immer die Frage nach Repräsentation zutage. Man kann eben auch heute nicht einfach nur Kunst machen, Musik, Literatur. Plötzlich taucht das Phänomen der Professionalität auf, Selbstdarstellung, Verkauf – alles im Grunde kunstferne Fähigkeiten. Und, ganz wichtig, plötzlich dürfen keine Fehler mehr gemacht werden, dabei gehören die Fehler zwingend zur Kunst. Es kommt für mich aber vor allem auch die Frage nach einer Verantwortlichkeit in Bezug auf die dringenden Fragen des gesellschaftlichen und politischen Wandels auf – wie stehen wir als Künstler dazu?

ZEIT ONLINE: Es gibt ja durchaus Künstler und Autoren, die diese öffentliche Rolle der Selbstinszenierung sehr gut beherrschen.

Leiber: Ja, möglicherweise. Aber mich interessiert das nur, wenn die Selbstinszenierung dazu dient, Freiräume entstehen zu lassen, in denen wir über uns selbst nachdenken können. Der Betrieb als solcher scheint erst einmal nicht dafür gemacht. Er scheint gar nicht nachdenken zu wollen.

ZEIT ONLINE: Elfriede Jelinek hat vor Kurzem ihrer Wut über die Korruptheit des Literaturbetriebs geäußert. Sind Sie auch verärgert?

Leiber: Verärgert wäre wohl das falsche Wort. Aber Elfriede Jelinek hat wahrscheinlich Recht. Ich persönlich sehe den Literaturbetrieb als ein System, in dem Beziehungen, Geschlecht, Aussehen und Selbstvermarktung eine größere Rolle spielen, als die Texte selbst. Es ist zudem immer noch ein männlich dominierter Betrieb, in dem sich in einer Art Schwarmbewusstsein an eben diese dominanten Meinungen angeschlossen wird. Das zu beobachten wäre beinahe lustig, wenn es nicht so entsetzlich traurig wäre.

ZEIT ONLINE: Was derzeit in Mode ist, sind Debattenbeiträge zum vermeintlichen Stand der Gegenwartsliteratur. Was halten sie von denen?

Leiber: Wenn, dann sehe ich das Problem in der unreflektierten Teilhabe an der Ökonomisierung des Betriebes an sich. Als Nutznießer spielen erst einmal alle mit, so lange sie können, nicht nur die Literaten. Der Vatermord kann nicht ordentlich stattfinden, weil dieser "Vater" uns dauerhaft füttert. In einem Literaturbetrieb, in dem es per Distinktion letztendlich doch um Geld geht, wird sich natürlich in Wirklichkeit angepasst.

ZEIT ONLINE: Im letzten Drittel des Romans verändert sich der Fokus: Nicht mehr Ruven steht im Mittelpunkt, sondern seine Tochter Marie. Warum dieser Bruch?

Leiber: Wer wollte ein Buch, das im 20. Jahrhundert spielt, ohne Brüche auskommen lassen? Ich versuche ja auch gar nicht, glatt und hürdenlos zu schreiben! Es ist kein glattes und hürdenloses Thema! Für mich ist diese Tochterfigur sehr wichtig – als reale und konkrete Folge eines Lebens. Der Fokus des Buches verlässt vorübergehend die "Hauptfigur" und richtet sich auf die nächste Generation, in der das unbearbeitete Leben des Vaters einmal mehr und auf anderer Ebene zum Ausdruck kommt. Ein Bild von Edward Munch, dessen Bildwelten auch als eine formale Grundlage des Romans dienen, spielt in der Geschichte eine zentrale Rolle: Das kranke Kind, das er 1885/86 gemalt hat. Für mich hat Munch in diesem Bildnis eines schwindsüchtigen Kindes das Verschwinden der Kindheiten als solche vorweggenommen, die Schwindsucht, das siechende Kind des 20. Jahrhunderts, das ist für mich Marie. Wir brauchen nach dem letzten Jahrhundert neue Sprachen, wenn wir weiter über Kindheit sprechen wollen.

ZEIT ONLINE: Im Roman stirbt Marie aber ja nicht.

Leiber: Nein, sie überlebt, weil sie zwar nicht von ihrem Vater, dafür aber von ihrer Tante und ihrem Onkel geliebt wird. Man muss ja nicht unbedingt von seinen Eltern geliebt werden, man muss überhaupt geliebt werden.