Wenzel Storch beweist eindrucksvoll die alte Laubenpieper-Regel, dass inmitten des größten Unkrauts die buntesten, prachtvollsten Kulturpflanzen wachsen können. Storch ist in Braunschweig geboren, hat einen Teil seiner Kindheit in Wolfsburg verbracht, um schließlich in Hildesheim, der erzkatholischen Enklave im protestantischen Feindesgebiet, dauerhaft Wurzeln zu schlagen. Hildesheim ist bekannt für seinen tausendjährigen Rosenstock und ja, sonst eigentlich nichts.        

Die Liste der großen Söhne der Stadt ist kurz. Bernd Clüver, den Jungen mit der Mundharmonika, muss man erwähnen, und selbstredend den Korvettenkapitän und CDU-Schatzmeister Eckart von Klaeden, von dem Manuel Andrack mal sehr schön gesagt hat: das sei "der Typ, bei dem man sich in der Schule freute, wenn das Gesicht noch einmal in den Schlamm gedrückt wurde".

Und dann ist da eben noch Storch. Ein niedersächsischer Provinzler durch und durch und zugleich ein egomaner bis soziopathischer Künstlertyp, der sich in den letzten Jahren vom eher berüchtigten als berühmten Bad-Taste-, Camp-, Trash-Filmer – oder wie immer man ihn betitelt hat, um dem Improvisatorischen, kalkuliert Dilettantischen, provokant Regellosen seiner Streifen Rechnung zu tragen – zum Universalkünstler weiterentwickelt hat.

Er begann zu malen, neulich erst veröffentlichte er mit Arno & Alice ein hübsch albernes "Bilderbuch für kleine und große Arno-Schmidt-Fans". Er bastelte Collagen, schrieb Hörspiele fürs Radio und nicht zuletzt fulminant witzige, mit selbst ausgeschnittenen Bildchen aus alten Illustrierten aufgeputze Essays über seine harten Tage als Ministrant und über die ihn damals wie heute ziemlich überwältigende katholische Separatkultur. 

Ein Rechenschaftsbericht

Er spürt da allerlei Wunder- und Widerlichlichkeiten auf, pittoresk-chauvinistische Abenteuerromane aus dem Missionars-Milieu (Der fliegende Pater bei den Eskimos), kuriose Kloster-Krimis, katholische Heldengestalten wie das "Maschinengewehr Gottes" Pater Leppich, der schon in den Fünfzigern den "Tangojünglingen und Barwanzen" auf der Reeperbahn heimleuchtete, die "Leibstandarte Jesu Christi", eine Art frömmlerischer Sondereinheit der SS, und auch immer wieder kaum noch versteckt pädophile Aufklärungs- und Anstandsbüchlein (Peter legt die Latte höher).

Mit Anfang 50 ist jetzt die erste Autobiografie fällig. Das schlicht Die Filme betitelte Buch liefert weitaus mehr als einen künstlerischen Rechenschaftsbericht über sein bisheriges filmisches Werk – bestehend aus der verdrehten Katholiken-Parodie Der Glanz dieser Tage, der Seventies-Karikatur Sommer der Liebe und seinem opulenten, aus wahren Sperrmüllgebirgen zusammengeschraubten psychedelischen Abenteuermärchen Die Reise ins Glück. Hier gewährt er nicht nur Blicke hinter die Kulissen, erklärt die ganz und gar nicht glorreichen, in ihrer ästhetischen Unbedingtheit aber durchaus würdevollen Begleitumstände der Low- bis Non-Budget-Filmerei. Hier führt er eben auch in Wort und Bild vor, wie sich sein Leben langsam in Kunst verwandelt.

Sein gewalttätiger Vater versucht einen Vorzeige-Katholiken aus seinem Sohn zu machen. Regelmäßige Kirchgänge, Beichten, Messdienerei, Prozessionen, Hausandachten. "Und als ich meinen ersten eigenen Rosenkranz bekam, feierlich vom Vater in einem knallroten Etui überreicht, ging das Tamtam erst richtig los. Da freust du dich richtig, wenn nach dreißig 'Ave Marias' mal Schluss ist und du endlich endlich zurück an deine Schularbeiten darfst. Alles dreht sich immer nur um das eine: glauben, glauben, glauben."