Es gibt sie noch – die Mauer. Vor allem für die vor 1970 Geborenen. Sie manifestiert sich zum Beispiel in der Bewertung von Autoren, die Geschichten aus der DDR verarbeiten: Die Westdeutschen winken ab und versuchen gar nicht erst zu verstehen, warum da jemand was und auf welche Weise erzählen muss. Alles schon gewesen, Schluss damit, heißt es dann. Die Ostdeutschen sind nicht weniger beschränkt. Sie verstricken sich auf ihre Weise in den Machtmechanismen der Gedächtnispolitik. Von westdeutscher Warte aus ist manchmal kaum nachvollziehbar, wo die Fallstricke liegen, weil sie mit individuellen Positionen, Erfahrungen und Beziehungen in der DDR und der Zeit um 1989 zu tun haben.

Widersprüchliche Wahrheiten

Die Schizophrenie dieser Situation wird in Ines Geipels neuem Buch Generation Mauer deutlich. Etwa an dieser Szene: Walter Jens verteidigt 1991 seinen Jenaer Kollegen Manfred Beyer alias IM Gallus als "aufrechten, offenen, couragierten und erzliberalen Kollegen", während Ines Geipel, die bei Beyer studiert hat, von einem Angst-System berichtet, an dem Beyer als Institutsleiter beteiligt gewesen sei. Von einer Seminarsitzung über BRD-Literatur im Jahr 1984 erzählt sie diesen Vorfall: "Martin sitzt hinten an der Wand. Langsam, eher schleppend, beginnt er zu reden. Er nennt Namen. Johnson, Biermann, Raddatz, Kempowski. Er sagt etwas von Zumutung, Rausekeln, Eingeschlossensein. Am Ende blickt er dem Mann vorn am Pult direkt ins Gesicht.

Es ist nicht einfach eine Exmatrikulation, die nach der Stunde erfolgt. Es ist ein Exempel, vor dem gesamten Institut, mit aller rhetorischen Wucht. Martins Rausschmiss bedeutet für ihn, anderthalb Jahre keinen Zugang zu einer DDR-Universität zu bekommen. Er wird Nachtportier in einer Ostberliner Großbäckerei. Als er nach Jena zurückkehrt, ist sein Blick härter geworden. Jens und Geipel: Zwei Wahrheiten, die je nach Perspektive unterschiedlich hervortreten?

Die Abläufe in der eigenen Gesellschaft verstehen

Es wird zwar viel geforscht zur deutsch-deutschen Geschichte, aber sind die Forschungsergebnisse auch als Realität ins mentale Bewusstsein der Deutschen eingegangen? Wohl nicht, denn sonst wären die Bücher von Ines Geipel nicht so aufwühlend und verstörend – und sie wären nicht so nötig, um die Abläufe in der eigenen Gesellschaft zu verstehen. Zum Beispiel durch eine Frage, die Geipel an die Bilder vom Freudentaumel im November 1989 stellt: "Was lässt sich sagen über einen Jubel, in dem sich ein Jahrhundert in die Arme nimmt und darin erlöst?"