Dass in Deutschland die Grenze zwischen E- und U-Literatur nach wie vor so streng markiert ist, mag unter anderem daran liegen, dass es hierzulande kaum Schriftsteller gibt wie Jonathan Coe. Einer, der Romane schreiben kann, die ungemein komisch sind und leicht und süffig zu lesen, die sich nicht vor dem Spiel mit dem Trivialen und auch vor Trivialität nicht scheuen, und die andererseits mit Eleganz eine gewisse Gedankentiefe entwickeln und dafür sorgen, dass man sich niemals unter Niveau amüsiert, wenn das überhaupt möglich ist. Kurz: Jonathan Coe beweist in seinem neuen Roman, wie auch in seinem vorangegangenen Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim, wozu er fähig ist: zum perfekten Unterhaltungsroman.

Expo 58 ist der Originaltitel, und damit wäre im Grunde auch schon alles gesagt. Dass mit der deutschen Übersetzung Liebesgrüße aus Brüssel eine etwas überdeutliche Spur zu einem der Leitmotive gelegt wird, ist nicht weiter ärgerlich. Die Weltausstellung in Brüssel im Jahr 1958 stand unter dem sperrigen Motto "Technik im Dienste des Menschen. Fortschritt der Menschheit durch Fortschritt der Technik." Dreizehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die Expo als ein die Völker verbindendes Ereignis inmitten des Kalten Krieges konzipiert, sollte aber gleichzeitig auch zur Demonstration des Machbaren werden, zu einer Leistungsschau der modernen Architektur und Wissenschaft, mit dem seinerzeit gigantomanisch anmutenden Atomium als Symbol in ihrem Zentrum.

Während die USA und die Sowjetunion sich in der Größe ihrer Pavillons und der Zurschaustellung von Machtverhältnissen gegenseitig zu überbieten versuchten, taten die Engländer das, was sie am besten können: sie bauten einen riesigen Pub, das "Britannia". Auftritt Thomas Foley, 32 Jahre alt, Angestellter des Informationsministeriums, verheiratet, frisch gebackener Vater. Ein stiller, sanfter Mensch, ein wenig linkisch. Wenn überhaupt über ihn gesprochen wird, nennt man ihn "einen anständigen Kerl."

Ein Faible für skurrile Szenen

Dieser Thomas wird nun von seinen Vorgesetzten für sechs Monate auf die Expo nach Brüssel geschickt, um den reibungslosen Betrieb im "Britannia" zu sichern und zu überwachen. Thomas’ Biografie hat ihn für diesen Auftrag qualifiziert: Seine Mutter ist Belgierin, sein verstorbener Vater führte eine Kneipe. Was Jonathan Coe nun inszeniert, ist mal ein Spiel auf der Klaviatur des Agentenromans, mal eine ironische Darstellung der von Fortschrittsfantasien beseelten Epoche.

Merkwürdige Gestalten tauchen plötzlich in Thomas’ Umfeld auf: Zwei schräge Vögel, die nur im Doppelpack zu haben sind, stets über alles und jeden Bescheid wissen und (glücklicherweise auch für den Leser) jedes mysteriöse Ereignis im Verlauf der Handlung im Nachhinein aufzuklären und zu erklären in der Lage sind. Ein gut aussehender Zimmernachbar in Thomas’ frugaler Unterkunft in Brüssel, der verantwortlich ist für das Herzstück der britischen Ausstellung, einer Maschine, die angeblich mittels Atomkraft die Energieprobleme der Menschheit lösen soll. Eine amerikanische Schauspielerin, die mehr als das zu sein scheint, und der russische Redakteur einer Zeitschrift mit Namen Sputnik, in der unter anderem das Manifest eines russischen Wissenschaftlers mit dem Titel "Der Mensch im 21. Jahrhundert" abgedruckt ist. Dieser Text ist keine Erfindung; Coe hat ihn im Zuge seiner Recherchen aufgespürt und in seinen Roman integriert; eine sozialistische Utopie vom glücklichen Arbeiter in einer technisierten, friedlichen Welt, die heute beinahe eher rührend als unfreiwillig komisch wirkt.

Das Expo-Gelände erscheint als eine ganz und gar künstliche Fantasiewelt, als eine Blase, in der die Bedingungen des Lebens da draußen nicht gelten: Seine ohnehin knochentrockene Ehe in England wird Thomas bereits nach kurzer Zeit immer fremder, während er in Brüssel in eine undurchschaubare Spionagegeschichte hineingerät. Denn selbstverständlich war die Weltausstellung hinter den Kulissen kein friedliches Fest, sondern ein Tummelplatz der Spione. Thomas Foley ist das fleischgewordene Klischee des steifen und umständlichen Briten, das durch Ian Flemings weltmännische und elegante 007-Figur konterkariert wurde. Thomas Foley ist ein Anti-James-Bond im Dienste ihrer Majestät. Und auch das ist ein Ausweis von Jonathan Coes Kunst: dass wir sehr gerne über mehr als 300 Seiten an der Seite dieses Durchschnittsmenschen bleiben, ohne dass er dafür vom Autor der Lächerlichkeit preisgegeben werden muss.

Coe hat durchaus ein Faible für skurrile Szenen, und er erzählt durchgängig mit einem Gespür für Humor und witzige Dialoge, seinem Anti-Helden aber lässt er in dem Gewimmel zwischen großer Welt und kleinbürgerlicher Familie seine Würde. Und das, obwohl er einiges auszuhalten hat an Gefühlsverwirrungen. Denn was wäre eine mit Anspielungen auf die Bond-Romane gespickte Agentenstory ohne erotische Aufladung? Gleich bei seiner Ankunft am Flughafen begegnet Thomas der schönen Belgierin Anneke, die als Hostess auf der Weltausstellung arbeitet. Zwischen beiden wird sich eine Geschichte entspinnen, die, zumindest so viel darf man sagen ohne zu viel zu verraten, weit über das Jahr 1958 hinausreichen wird. Gerade gegen Ende des Romans wird deutlich, dass Coe mehr als eine Posse auf einem eng begrenzten exotischen Terrain im Sinn hatte: Liebesgrüße aus Brüssel ist auch eine Reflexion über die Zeit, über ihr Vergehen und darüber, in welchen Zwängen seiner Epoche ein Mensch gefangen sein kann.