Der Schriftsteller Jörg Albrecht © Dario Damiano

ZEIT ONLINE: Wo sind Sie gerade?

Jörg Albrecht: Ich bin immer noch in Abu Dhabi. Seit dem 4. Mai bin ich zwar nicht mehr inhaftiert, bin auf freiem Fuß, darf aber nicht ausreisen. Niemand kann mir sagen, warum, also was jetzt noch kommen kann, niemand kann mir sagen, wann ich werde ausreisen können.

ZEIT ONLINE: Was ist passiert?

Albrecht: Am 1. Mai, ein paar Stunden nach meiner Ankunft, habe ich in unmittelbarer Nähe des Hotels und des Messezentrums einige Bauten fotografiert aus Interesse an der Architektur. Mir war nicht klar, was für Gebäude das waren, ich nahm an, es seien Luxus-Apartments oder dergleichen. Aber drei Minuten später war ich schlauer: Ich wurde auf der Straße von einem Jeep gestoppt und ab da festgehalten. Mir wurde später im Verhör gesagt, dass ich die irakische und die iranische Botschaft fotografiert hätte.

ZEIT ONLINE: Sie waren mit Ihrem Lektor und anderen deutschsprachigen Autoren nach Abu Dhabi zur Buchmesse eingeladen. Wozu sollte der Austausch dienen? Was hatten Sie damals für Erwartungen an das Projekt?

Albrecht: Ich kam natürlich als geladener Gast her. Ich dachte, ich würde hiesige und internationale Autoren treffen, ein paar Veranstaltungen machen. Ich dachte, ich würde einer Art Annäherung der "westlichen" Welt und der Emirate beiwohnen, und sei es nur auf der Ebene eines Austauschs über Lyrik, über die Wüste, über das Wachsen des Landes hier – das war völlig naiv. Ich dachte, ich könnte mir die Stadt ansehen, die ja eines der Beispiele für die schnell wachsenden Riesenstädte ist. Ich wollte mit meinem Lektor an meinem neuen Roman arbeiten. Doch meinen Lektor Thorsten Ahrend sah ich hier zum ersten Mal im Gericht, am dritten Tag meiner Haft.


ZEIT ONLINE: Was ist das Quälende an der gegenwärtigen Situation?

Albrecht: Quälend ist, im Ungewissen gelassen zu werden. In vergleichbaren Situationen werden die Leute an den Flughafen gefahren und müssen sofort abfliegen. Ich werde hier gehalten, ohne Informationen. Ich weiß gar nicht, warum ich der Spionage verdächtigt werde, da ich doch als offizieller Gast hier bin. Aber diesen Status habe ich offenbar verwirkt.

ZEIT ONLINE: Ist das alles aus Ihrer Sicht einfach nur ein privates Unglück? Oder ein kulturpolitischer Fehlschlag?

Albrecht: Wenn ich kurz nach der Inhaftierung hätte ausreisen dürfen, hätte ich das als privates Unglück gewertet. Mir ist ja auch klar, dass ich gegen ein hiesiges Gesetz verstoßen habe. Normalerweise gibt es da für Ausländer aber wohl eine Geldstrafe, und das war es. Aber warum man Künstler aus anderen Ländern einlädt und dann nicht betreut – zum Beispiel wusste niemand davon, dass wir im Botschaftsviertel wohnen –, warum niemand hier die Dinge beschleunigen kann, obwohl ich doch Teil einer offiziellen Delegation bin, das ist nicht nur kulturpolitisch fragwürdig. Es macht Angst.

ZEIT ONLINE: Könnten bundesdeutsche Politiker mehr bewirken, als bisher geschehen ist?

Albrecht: Ich hoffe das natürlich. Ich weiß, dass die deutsche Botschaft hier tatsächlich alles macht. Von daher müsste der Druck auf anderen Ebenen passieren. Aber ich bin ja kein Experte für Diplomatie. Ich hoffe gerade nur, dass dieser Alptraum irgendwann ein Ende hat. Jeden Morgen, wenn ich aufwache, denke ich: Ich bin immer noch hier. Und niemand kann mir sagen, warum eigentlich. Ich lebe in einem Kafka-Roman. Von daher erhoffe ich mir, dass die deutsche Politik von außen Antworten bekommen kann, die mir vorenthalten werden. Ich bitte um diese Hilfe. Ich weiß nicht, wie es hier sonst weitergehen soll.

ZEIT ONLINE: Was passiert als nächstes? 

Albrecht: Ich warte auf neue Informationen. Die Deutsche Botschaft hier tut alles, was sie kann. Aber auch sie kommt nicht weiter. Ich möchte natürlich einfach nur weg. Heute wurde mir von einem Sekretär bei Gericht zu verstehen gegeben, dass ich noch eine Woche Geduld haben muss, mindestens. Meine Geduld ist aber langsam am Ende. Ich fürchte, dass ich bald psychisch richtig einbreche, da ich hier nun erst mal auf mich gestellt bin – in einem Land, in dem ich nicht mal die Sprache spreche, in der die wichtigen Dinge verhandelt werden.

Das Interview wurde am Mittag des 12. Mai 2014. geführt.