Franz Jung (1888-1963) war einer der größten Abenteurer der deutschen Literaturgeschichte. Welcher Autor kann schon von sich behaupten, einmal ein Schiff entführt zu haben? Weil die Delegation der KAPD, einer linken Abspaltung der KPD, 1920 keine Ausreisegenehmigung für die Sowjetunion bekam, entführten Jung und zwei seiner Mitstreiter kurzerhand den Cuxhavener Fischdampfer Senator Schröder und fuhren um das Nordkap herum nach Murmansk.

Mit Händen und Füßen sowie den Worten "Liebknecht", "Luxemburg" und "Lenin" gelang es ihnen, bis nach Moskau vorzustoßen, wo sie Lenin über die wahre politische Situation in Deutschland aufklären wollten. Die Mission scheiterte dennoch: Der Führer der Revolution empfing sie zwar, schrieb danach aber die auf seine Besucher gemünzte Schrift Der "Linke Radikalismus", die Kinderkrankheit des Kommunismus.

Dass das Leben eines solchen Revolutionärs kein stetes war, kann man sich leicht denken – Jung allerdings war verheiratet und hatte Kinder. Besonders seine Tochter Dagny musste unter der chaotischen Familiensituation leiden. Bereits kurz nach ihrer Geburt im Jahr 1916 hatte sich Jung von Dagnys Mutter, der Tänzerin Margot Hader, getrennt. Und Claire Otto, Franz Jungs zweite Frau, bei der Dagny später landete, gab das Mädchen wiederum an die eigene Mutter weiter. Zu ihrem Vater hatte Dagny kaum Kontakt, weil der entweder im Gefängnis saß, wo die meisten seiner Bücher entstanden, eine politische Aktion organisierte oder sich am Aufbau einer Fabrik in der Sowjetunion im Rahmen der Internationalen Arbeiterhilfe beteiligte.  

Eingeständnis des eigenen Scheiterns

Die Spuren der Abwesenheit der Eltern und des ständigen Hin und Her während ihrer Kindheit sollten sich bei Dagny später in psychischen Problemen bemerkbar machen. Nach einem ersten Selbstmordversuch im Januar 1944 auf Rügen und – nachdem es ihr wieder besser zu gehen schien – einem zweiten in Wien, starb sie Anfang 1945 unter ungeklärten Umständen ebendort im Allgemeinen Krankenhaus.

Schon 1946 begann sich Jung in dem Roman Das Jahr ohne Gnade mit Dagnys Tod auseinanderzusetzen. Zu Lebzeiten konnte er die Geschichte des letzten Lebensjahres seiner Tochter nicht mehr veröffentlichen. Jung war zwar überzeugt, dass Dagny am Ende Opfer der Euthanasie geworden war, und er schrieb von sich selbst distanziert in der dritten Person. Aber das ändert nichts daran, schreibt Annett Gröschner in ihrem instruktiven Vorwort, dass er sich am Tod seiner Tochter mitschuldig fühlte und darunter bis zum Ende seines Lebens gelitten hat. Deshalb hat die Beschäftigung mit Dagnys Tod auch nie aufgehört.