Natürlich ist dieser Preis auch ein Symbol, das ist der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ja seit jeher. Allerdings betritt der Börsenverein in diesem Jahr Neuland: Der Preis für den Internetdenker Jaron Lanier setzt in Zeiten des NSA-Skandals und der folgenden Neubewertung digitaler Kommunikation ein deutliches politisches Signal.

Der Informatiker und Schriftsteller Lanier ist einer der profiliertesten Intellektuellen einer internetkritischen Avantgarde. Zumal, da die Wendungen seiner eigenen Biografie seine Schriften beglaubigen: Lanier gehörte einst zu den Evangelisten des Silicon Valley, heute er ist gewissermaßen ein Dissident seiner selbst.


Kein Maschinenstürmer

Nun wird der 54-jährige Lanier fälschlicherweise bisweilen als Netzskeptiker bezeichnet, was in den zukunftsbejahenden Kreisen der Silicon-Valley-Jünger als größtmögliche Beleidigung gilt. Doch Lanier ist kein Maschinenstürmer. Seine Skepsis richtet sich nicht gegen die grundlegende Architektur des Internets, die er ja erhalten will, sondern gegen die utopische Aufladung, gegen die Erlösungsversprechen, gegen die Heilslehre einer neuen, technologisch inthronisierten Hypermoderne, in welcher der vollvernetzte Mensch sich selbst verwirklichen kann: Lanier nennt das "halluzinatorische Freiheit" und wies schon früh auf den Missbrauch und die Möglichkeiten ganzheitlicher Überwachung hin, die dem Willen zur Vernetzung folgen können.



In seinem Buch Gadget (2010) wandte er sich vor allem gegen einen "kybernetischen Totalitarismus", der das Individuum marginalisiere zugunsten einer Verklärung des Kollektivs, in der alles "Information" ist, jedoch hierarchielos und fragmentiert als Datenmasse nebeneinander her existiert und sich selbst banalisiert.   

Kritik an Amazon und Google

Als "Digitalen Maoismus" hat Lanier die ideologische Beschwörung des Schwarms einmal bezeichnet. Zwar versprächen neue Technologien die totale individuelle Freiheit, aber Lanier wies darauf hin, dass das Netz – neben der Gefahr allumfassender Überwachung – vielmehr von ökonomischen Interessen getrieben werde, vom radikalen Marktliberalismus als tatsächlich von emanzipatorischen Motiven. Auf die Utopie des Netzes folgten zum Beispiel die Entmonetarisierung der Filmindustrie und die der Musikbranche, mitsamt der Enteignung eines kreativen Mittelstands und seiner Lebensentwürfe.



Vor allem diese Position dürfte dem Börsenverein gefallen haben, der seit Jahren die Digitalisierung der Kultur zögerlich, wenn nicht pessimistisch betrachtet. Auch Laniers jüngste Kritik an der Macht von Amazon und Google dürfte der Buchhandel begrüßen, genauso wie die Sorgen über die sogenannte Gratiskultur, in der man alles für nichts bekommt.

Die Frage nach der Herrschaft


In seinen Aufsätzen wendet sich Lanier oft gegen die "Geek-Religion", die Anbetung des Internets als Organismus, gegen den Netzaktivismus mancher Hackergruppen wie Anonymous, denen er ein entmenschlichtes Weltbild unterstellt, das in technoiden Allmachtsfantasien schwelge.

Man kann Laniers Bücher als bisweilen radikalen Versuch betrachten, das Internet neu zu bewerten, unseren Umgang und unsere Sehnsüchte und das Verhältnis, das wir inzwischen zu den Maschinen einnehmen, letzthin bis zur Frage nach der Herrschaft: Wer regiert hier wen? Wir noch die Maschinen oder die Maschinen inzwischen uns? Und bleiben wir überhaupt Menschen, wenn wir das Kollektiv dem Einzelnen vorziehen? Wem gehört die Zukunft? fragt der Titel von Laniers aktuellem Buch und die Antwort lautet in Kürze: denen mit den schnellsten Computern.