Unlängst baumelte sie nicht, sondern kroch die ganze gernegroße Berliner Seele auf allen Vieren über den schlaglöchrigen Asphalt der Partymetropole, sah am Horizont keine Strandbars mehr, sondern nur noch Wanderdünen märkischen Sands. Was war geschehen? Nun, die New York Times hatte den Berlin-Hype für ziemlich beendet erklärt. So war es schon immer, seit Berlin Millionenstadt wurde: Die Narzisse unter den Weltstädten – maßlos, im Vergleich mit den USA, New York und Chicago zumal, zerschmettert, wenn von dort nicht geherzt und gedrückt. 

Da konnte den Berlinern das Buch eines Amerikaners, zudem noch mit dem urbanen Namen Henry F. Urban gerade recht kommen: Die Entdeckung Berlins. Es hat nur den einen Fehler, dass es gut hundert Jahre alt, nämlich 1910 zunächst als Serie in Scherls Lokal-Anzeiger, 1911 als Buch erschienen ist. Just zu der Zeit, in der Berlin immerhin schon als das deutsche Chicago galt und Karl Scheffler den Satz schrieb, dass Berlin dazu verdammt sei, "immerfort zu werden und niemals zu sein".  

Ein Haufen von Dörfern, die Berlin heißen

Seither hat Berlin nicht nur unablässig Vergangenheit abgeschafft, sondern sie sich in Papierform auch wieder zugeführt. So jetzt hier mit Urbans Berlin-Streifzügen. "Von New York kommend, (...) muß man durch eine Unmenge Sand hindurch, um Berlin zu erreichen, und wenn man glücklich (...) angekommen ist, so erfährt man zu seinem Entsetzen, (...), daß es Berlin genau genommen gar nicht gibt, sondern nur einen Haufen von Dörfern, die Berlin heißen."  

Zu dem Zeitpunkt lebten nämlich auf dem heutigen Berliner Stadtgebiet über dreieinhalb Millionen Menschen, so viel wie in New York schon 1900, allerdings nur 2 Millionen davon unter städtischer Verwaltung. Denn Charlottenburg, Wilmersdorf, Schöneberg, Rixdorf (alias Neukölln) oder Pankow wurden erst 1920 eingemeindet. Im Vorkriegs-New-York lebten immerhin um die 800.000 Deutsche, meist so, wie heute ein Teil der Türken in Berlin, in einer Eigenwelt. Und von da kommt denn auch Urban, ein ehedem Ausgewanderter und intendierter Rückkehrer. Eigentlich also gar kein Amerikaner. Doch darüber sah man in Berlin gerne hinweg, wenn er nur recht artig zu Berlin war!

Erhellende Reise

"Der richtige Berliner huldigt auch beim Vergnügen dem Grundsatz: Gut, viel und billig." Für kritischere Geister bis heute das akkumulierte Manko Berlins, war das damals ein volles Lob. Zwar in seinen Anspielungen sehr von damals, noch mehr in seinem schlichten Humor, ist das Buch insgesamt doch eine ebenso amüsante wie erhellende Reise zurück in die Zeit, als im Grunewald der Villenboom begann und der Spreewald zwar auch Gurken, aber noch mehr Ammen nach Berlin exportierte, die in ihren Trachten auch dem damals in Berlin lebenden Robert Walser auffielen.

Besonders nett zu lesen ist Urbans Stadtrundfahrt, bei der er drei Amerikaner belauscht – und so seine Kritik an Berlin wie an New York über die Bande spielt. Oder wenn er das amerikanische Berlin aufsucht, ausgerechnet im Luna-Park findet und einen amerikanischen Begleiter zitiert: "Es tut wohl, so ein echt amerikanisches" – Triggerschnüffler aufgepaßt! – "Negergrinsen in Berlin sehen zu können." (Immerhin lebten damals an die 3.000 Amerikaner in Berlin.)