Tex Rubinowitz ist ein Klagenfurt-Schlachtenbummler, unter anderem. Außerdem ist er Zeichner, ein sehr erfolgreicher sogar, der seit vielen Jahren unter anderem für den Falter und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung arbeitet, Schriftsteller ist er auch und Musiker und DJ. Interessant ist aber jetzt gerade einmal der Klagenfurt-Aficionado. Seit mehr als zehn Jahren war er vor Ort, wenn um den Bachmannpreis gelesen wurde. Rubinowitz, 1961 in Hannover geboren, was man ihm nicht anmerkt, seit 1984 in Wien lebend, was man ihm schon eher anmerkt, ist eine jener Figuren, die rund um den Bachmann-Wettbewerb einen riesigen Wind erzeugen, die das Ganze dezidiert zu einem Familientreffen erklärt haben, mit den übliche Ritualen, Wettschwimmen im Wörthersee (von ihm erfunden, jedenfalls als Institution), inklusive Juroren und aufblasbarer Gummitiere, Plattenauflegen im Lendhafen mit Musik- und Literaturquiz. Undsoweiter.

Man könnte sagen, Tex Rubinowitz ist einer von denen, die in Klagenfurt dafür sorgen, dass es ein bisschen lustig zugeht. Man könnte aber auch sagen, er ist mitverantwortlich dafür, dass eine Menge im Alltag seriöser Menschen (Verleger, Autoren, Kritiker) in einen Zustand der Frühkindheit regredieren, sobald sie die Grenze zum Bundesland Kärnten passiert haben. Fotografische Beweise dafür gibt es genug; man muss sich auf Facebook nur mit den richtigen Menschen befreunden.

Und nun hat Tex Rubinowitz den Bachmannpreis gewonnen. Das ist, angesichts der Qualität der Wettbewerbsbeiträge in diesem Jahr, keine ganz große Überraschung. "Ich habe", so hat es der neue Bachmannpreisträger in einem Interview gesagt, "zu vielem keine Meinung, weil ich das einfach nicht durchschaue." Das ist ein Satz, der möglicherweise auch auf die diesjährige Juryentscheidung und vor allem auf den Abstimmungsvorgang zutreffen könnte.

Ein unwürdiger Abschluss

Denn in der ersten Runde votierten sieben Juroren für sechs Autoren; nur der Schweizer Teilnehmer Michael Fehr erhielt die Stimmen der beiden Schweizer Juroren, was offensichtlich auf einer Absprache beruhte. Schon da wurde deutlich: Wer den Bachmannpreis in diesem Jahr bekommt, ist im Grunde wurscht. Jetzt bekommt ihn eben eine anarchische Spaßmacherfigur, 25.000 Euro noch obendrauf. Sein Siegertext Wir waren niemals hier ist ein Stück absurder Komik, in dem ein mittlerweile leicht gealterter Mann aus Hannover an eine 30 Jahre zurück liegende Liebe zu einer merkwürdigen jungen Frau aus Litauen zurückdenkt; einer Frau, die an Batterien leckt, um die Säure zu schmecken, weil sie das in der Sowjetunion schon so gemacht hat, und die nie richtig da ist, auch wenn sie da ist. Eine Fernliebe aus nächster Nähe in einer 26-Quadratmeter-Welt, die in einer Zeit spielt, in der eine Tätowierung noch Wagnis und Stigma zugleich war, "man dadurch wirklich noch der Außenseiter sein konnte, als der ich mich immer fühlte, weil ich es ja auch war". Wenn er meint. Mit solchen Texten landet man heute jedenfalls nicht mehr am Rand, sondern in der Mitte, und das heißt hier: Bachmannpreis.

Ebenso willkürlich wurden die restlichen Preise unter das Volk geworfen, denn sie mussten ja weg: Der Kelag-Preis (10.000 Euro) ging an den charismatischen Michael Fehr, dessen Performance mit Sicherheit eine Rolle bei der Preisvorgabe gespielt hat: Fehr, der nur Schemen erkennen kann, ließ sich seinen Text per iPod mit seiner eigenen Stimme auf den Kopfhörer sprechen und repetierte ihn dann, mit leicht schleppender Stimme, dabei durch den Saal wandernd. Den 3sat-Preis (7.500 Euro) erhielt der in Sri Lanka geborene Senthuran Varatharajah für seinen hegelianisch aufgeblasenen Facebook-Dialog zweier nach Deutschland gekommener Asylanten. Den Ernst-Willner-Preis, benannt nach dem Stifter, der Klagenfurter Buchhandlung Heyn, ein Preis, der heuer erstmalig "Mr. Heyn’s Ernst-Willner-Preis" heißt, analog zu "Mandy’s Nagelstudio" nur echt mit Apostroph, diesen Preis also erhielt Katharina Gericke (5.000 Euro), und man darf zumindest den Internetusern danken, dass sie dem literarisch zwar in einer konventionellen Tradition von Thomas Bernhard über Elfriede Jelinek bis hin zu Marlene Streeruwitz stehenden Beitrag von Gertraud Klemm den mit 7-000 Euro dotierten Publikumspreis zusprachen.

Statt eines Schlusswortes gab es noch einen Abschied: Der Juryvorsitzende Burkhard Spinnen, seit 14 Jahren als Juror dabei, kündigte seinen Rückzug an: "Ich bin nicht rausgeschmissen worden, und ich bin auch nicht krank." Er geht, weil hier "niemand zu einer Institution werden darf". Dass Spinnen zum Abschied ein Buch in die Hand gedrückt wurde, wenn auch eine Humbert-Fink-Erstausgabe, und niemand von Seiten der Veranstalter sich berufen fühlte, ein öffentliches Wort des Dankes zu sprechen, war der endgültig unwürdige Abschluss des diesjährigen Wettbewerbs.