Sämtliche Geschichten über die Apokalypse sind dazu verdammt, im Zustand der Behauptung zu verharren. Wie sollte es anders sein? Wenn die Erde als Ruine daliegt, wenn der Himmel sich aschenbechergrau gefärbt hat und die Sonne erloschen ist: Niemand könnte noch davon berichten. Die Katastrophe ist die große Menschheitserzählung, die uns mit Unbehagen erfüllt oder gelegentlich mit einer Lust, einer morbiden Faszination an einer Zukunft, über die wir naturgemäß nichts wissen können.    

Der Philosoph Jacques Derrida hat dazu einmal die Bemerkung gemacht, die Apokalypse könne nur "textuell" stattfinden, da sie lediglich in dem Augenblick existiere, in dem von ihr erzählt wird. Deshalb gehören solche Zukunftsvisionen in die Abteilung Fiktion: Film, Malerei, Literatur. Die deutsche Literaturwissenschaftlerin Eva Horn hat nun ihren Blick auf die Weltvernichtungsfiktionen gerichtet. Ihre Studie Zukunft als Katastrophe ist eine weit ausholende und gelehrte, zugleich methodisch tiefschürfende Untersuchung der heutigen Apokalypsendarstellungen. In denen der Untergang ausfantasiert wird, sondern die auch unser Bewusstsein entscheidend mitprägen in der Frage, wie das Ende der Welt, die wir kennen, aussehen wird. 

Und wenn wir sonst schon nichts Verlässliches darüber wissen, müssen wir uns an die künstlerischen Spekulationen halten. So verfuhr Horn, die an der Universität Wien unterrichtet, bereits in ihrem Essay Der geheime Krieg (2007) – ein aufregender Versuch über Spionage und Verrat, der sich einzig auf literarische Quellen stützte und ihrem Erkenntniswert traute: Da alles geheim ist, bleibt auf die Narrationen über das Geheime mehr Verlass als auf alles andere. Sie sind "Werkzeuge des Vorstellungsvermögens". 

Die Apokalypse, schreibt Horn nun, ist nicht mehr theologisch gerahmt. Sie hat sich von einer religiösen Eschatologie zu einem anthropologischen Schreckensbild gewandelt: Für das Ende seiner Art ist der Mensch selbst verantwortlich. Er ist gottverlassen. Im Verlauf der Jahrhunderte haben die Imaginationen der Endzeit unterschiedliche Formen angenommen. Horns Darstellungen reichen von Roland Emmerichs Brachialblockbustern über Cormac McCarthys postapokalyptischen Roman The Road bis in die Verdunkelungsbilder der Romantik: John Martins Gemälde des "letzten Menschen", der auf die Trümmer der Zivilisation herabschaut. Jean Pauls Rede des toten Christus, der die Vision des jüngsten Gerichts all seiner Transzendenz beraubt und zu einer Nacht ohne Auferstehung verdichtet. Der Mensch ist allein "in der weiten Leichengruft des Alls", im "starren stummen Nichts". 

Der nukleare Winter

Jean Pauls "Anthropologie des Endes" verweise bereits 1789 auf die Abwesenheit jeglicher Metaphysik. Es existiert keine Aussicht auf einen Neubeginn mehr, der auf die Zerstörung folgt. Die moderne Apokalypse ist endgültig. Endzeit meint auch das Ende aller Kontinuität: das Ende der Zeit im Wortsinne. Horn durchstreift in sechs Kapiteln düstere Gedankenlandschaften und Epochen. In ihnen entfaltet sich eine ganze Poetologie des Untergangs, die immer sowohl einen Blick in die Zukunft als auch von dort aus in unsere Gegenwart enthält. In der Welt von ihrem Finale her betrachtet, "zeigt sich die Wahrheit eines historischen Prozesses, der die Geschichte der Menschen wie die der Natur gleichermaßen umfasst".

Der Schrecken in Literatur und Film, so fiktiv und spekulativ er uns auch erscheinen mag, ist eingebettet in tatsächliche oder vermeintliche Bedrohungen seiner Zeit. Lord Byrons Versprosagedicht Darkness, in dem sich der  Himmel verdunkelt und der Mensch des anderen Jäger wird, war eine Reaktion auf klimatische Schwankungen im Jahr 1816. Von Byrons Verdüsterung führt Horns Essay ins Sicherheitskalkül des Kalten Krieges. Diese Ära war sowohl von der permanenten Bedrohung durch die Atombombe geprägt als auch von dem "obszönen Begehren" nach dem Ende. Gleichzeitig extrapolierte die Kunst jede technische Option der Selbstauslöschung zur Dystopie. An deren Ende steht zumeist der nukleare Winter.  

Aus der Fülle an literatur- und filmhistorischen Szenarien präpariert Horn die zentralen Motive unserer Apokalypsenahnungen heraus. Eine ganze Motivgeschichte liegt vor uns. Die unmittelbare Verbindung von Meteorologie und Anthropologie. Die Natur, die ihren Raum wiedererobert. Die Entvölkerung und die Überbevölkerung, deren Endpunkt die Hungersnot ist und die zwangläufige Denaturierung des Menschen: Er wird zu seiner eigenen Ressource. Das ist die schaurige Konsequenz, von der etwa sowohl McCarthys entleerte Welt in The Road erzählt als auch Richard Fleischers Science-Fiction-Film Soylent Green (1973), in dem in einem überbevölkerten New York ein Nahrungsmittel aus Menschen hergestellt wird.